03.08.2016
Übersetzt von Andreas Boneberg

Zu Beginn dieses Jahres berichtete die BBC über einen dreizehnjährigen Jungen, der gerne elektronische Geräte bastelte. Die Geschichte wäre eher unbedeutend und gewöhnlich gewesen, wären nicht die Lebensumstände des Jungen so besonders.

Guled Adan Abdi stammt aus Buhoodle, einer Stadt in der Ayn-Region im Norden Somalias, einem Land, das in den letzten 25 Jahren als Synonym für die zerstörerischen Kräfte von Bürgerkrieg und Chaos herhalten musste. Trotz der unzähligen Faktoren, die Guleds Neugier und Kreativität eigentlich hätten behindern müssen, hat er sich nicht beirren lassen und wurde vom Wissensdurst angetrieben, der wohl allen Kindern dieser Erde gemein ist.

Gegenüber der BBC erklärte Guled, er habe mit seinen Erfindungen angefangen, als er noch jünger war, indem er einfach Teile weggeworfener Gegenstände zusammensetzte. Um das Plastikspielzeug zu motorisieren, orientierte er sich später an der Funktionsweise richtiger Autos. „Irgendwann dachte ich mir, dass es doch viel besser sei, wenn das Spielzeug beweglich wäre. Ich sah mir also die Autos in der Stadt an und entwickelte Spielzeug mit demselben Design. Da ich niemanden kenne, der solche Dinge anfertigt, brachte ich mir alles selbst bei. Auch, wie die Räder eines Wagens angetrieben werden.“ Um das Spielzeug in Bewegung zu versetzen, schließt Guled es an ein batteriebetriebenes Steuergerät an, das mit einem Plus- und Minuszeichen versehen ist. „Wenn ich auf Minus umschalte, dann fährt das Auto rückwärts, auf Plus fährt es vorwärts.“ Da das gesamte Spielzeug aus Müll besteht, muss er nur für die Batterien bezahlen, die paarweise etwa 25 US-amerikanische Cent kosten

Guled ist weit über Buhoodle bekannt

Als er im Januar 2016 interviewt wurde, hatte Guled bereits vier elektronische Spielzeuge erfunden; darunter einen Truck und ein Flugzeug. Alles wurde hauptsächlich aus alten Speiseölkanistern angefertigt. Darüber hinaus bastelte er einen Ventilator, den man in der Nacht auch als Lichtquelle benutzen kann. Guled lebt zuhause mit seiner Mutter und seinen Geschwistern (einem Bruder und einer Schwester); sein Vater verschwand vor 14 Jahren spurlos. Er ist vermutlich tot. Die Situation der Familie ist typisch für die vom Krieg gezeichnete Region. Auf beschwerlichem Weg muss die Mutter seitdem den Lebensunterhalt der Familie bestreiten, indem sie anjeera (somalische Pfannkuchen) verkauft. Wenn die finanzielle Situation kritisch wird, muss die Familie zu Verwandten in eine abgelegene Region ziehen, von wo aus Guled allerdings nicht zur Schule gehen kann.

An einem normalen Schultag verbringt Guled meist die kompletten Nachmittage mit seinen Tüfteleien. Aufgrund seiner steigenden Bekanntheit schauen immer mehr Besucher vorbei, die ihn anspornen und ihm bei seiner Tätigkeit zusehen wollen. Mittlerweile erhält Guleds Leistung auch die leidenschaftliche Unterstützung seiner Mutter, Maryan Hassan, nachdem sie zunächst nicht viel von der Passion ihres Sohnes hielt. Manchmal warf sie die Modelautos, die sich bei ihr zuhause auftürmten, sogar einfach weg. Heute ist sie unglaublich stolz auf ihren Sohn, den sie für ein Genie hält.

Seitdem seine Lehrerin in der Gemeinde über ihren außergewöhnlichen Schüler berichtet hat, ist Guled weit über Buhoodle hinaus bekannt. So wurde er jüngst ins 270 Kilometer weit entfernte Garowe eingeladen, die Hauptstadt der semi-autonomen Puntland-Region. Bei einem Treffen mit Puntlands Präsidenten Abdiweli Mohamed Ali wurde ihm versprochen, dass die Regierung seine Ausbildung bezahlen würde. Der Teenager selbst blickt schon voller Vorfreude in die Zukunft, in der er „langsam lernen möchte, richtige Autos zu bauen.“

Somalisches Unternehmertum

Guleds Geschichte und seine scheinbar grenzenlose Kreativität geben einen Eindruck von der Normalität des Alltags in Somalia. Während die Kameras internationaler Nachrichtenagenturen meist nur die vom Kugelhagel durchsiebten Fassaden und die Anzeichen von Armut und Verzweiflung ablichten, gäbe es ebenso viel über unbestreitbare Charaktereigenschaften vieler Somalier zu erzählen: Abenteuerlust, Erfindungsgeist und ein feinsinniges Gespür. Es sind genau diese Qualitäten, die Somaliern auf der ganzen Welt dabei geholfen haben, ihre florierenden Geschäften erfolgreich zu etablieren und aufrechtzuerhalten – vom Trödler auf Mogadischus belebten Bakara Markt bis hin zum Geschäftsführer eines internationalen Geldübermittlungsinstitutes.

In Eastleigh, einem ehemals eher verkommenen Außenbezirk im Osten der kenianischen Hauptstadt Nairobi, haben somalische Geschäftsleute den dringend erforderlichen Aufschwung gebracht – Verkaufsstände, Shopping Malls und Night Lodges sind entstanden. Die angebotenen Produkte decken die ganze Bandbreite ab: von Lebensmitteln über Designerkleidung hin zu Schmuck und exklusiven Gütern aus Dubai, die über die Stadt Eldoret im Westen Kenias zollfrei ins Land eingeführt werden können. Die Gegend wird fast ausschließlich von Somaliern bewohnt, was ihr den Beinamen „Little Mogadishu“ eingebracht hat. Der kommerzielle Sektor wird stark von Somaliern beeinflusst – stolze 1,5 Milliarden US-Dollar macht ihr steuerlicher Anteil aus. Im September 2015 war Eastleigh allein für über ein Viertel der gesamten Steuereinnahmen Nairobis verantwortlich. Folgt man Hassan Guleid, Vorsitzender des Geschäftsverbandes Eastleigh, habe der Stadtteil in derselben Zeit etwa 100 Millionen US-Dollar pro Monat umgesetzt. All dies macht den somalischen Einfluss auf die Wirtschaft umso bemerkenswerter.

Somalische Finanztransferunternehmen sind auf der ganzen Welt tätig und helfen Menschen dabei, Geld zurück in die Heimat zu senden. Das größte ist Dahabshiil (somalisch für “Goldschmelze”) mit weltweit 24.000 Standorten und einer über 40 Jahre währenden Tradition. In 126 Ländern zählt das Unternehmen rund 2.000 Angestellte. Im Zuge der Bankenkrise um die skandalgeschüttelte britische Großbank Barclays hob der damalige Premierminister David Cameron Dahabshiil für ihre Zuverlässigkeit und ihren guten Ruf hervor. Die meisten international tätigen Entwicklungsorganisationen, die in Somalia tätig sind, wie UN, WHO, Weltbank, Oxfam, Save the Children und Care International, nutzen den Service. Der anhaltende Erfolg erlaubt es dem Unternehmen mittlerweile, die eigenen Angebote auszuweiten. So wurde 2009 eine islamische Bank ins Leben gerufen, die ihren Kunden eine Scharia-konforme Finanzierung anbietet. Für einen gesunden Wettbewerb sorgen neun andere Geldübermittlungsinstitute; darunter zum Beispiel Amal Express, das ein Vermögen von etwa 30 Millionen US-Dollar und eine Eigenkapitalbasis von über 5 Millionen US-Dollar aufweist.

Der Einfallsreichtum ist unter den Somaliern weit verbreitet, ganz egal ob sie aus Mogadishu oder aus den als selbstständig deklarierten Gebieten im Somaliland oder Puntland stammen. Just in diesem Monat wurde Ismail Ahmed, CEO und Gründer des Geldübermittlungsinstitutes WorldRemit, von Ernst & Young, eine der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt, als Londoner Unternehmer des Jahres ausgezeichnet. Die Firma verzeichnete 2015 Gewinne in Höhe von 35,8 Millionen US-Dollar und kann ein signifikantes Wachstum in der nahen Zukunft erwarten, vor allem aufgrund der starken Expansion des amerikanischen Marktes.

Sie kehren zurück nach Mogadischu

Es gibt zudem unzählige Geschichten von Somaliern, die in die Heimat zurückkehren, um dort ihr Fachwissen und ihre Expertise der Wiederbelebung ihres dulka Hooyo (ihres Mutterlandes) zukommen zu lassen, nachdem sie jahrzehntelang in der Diaspora studiert und gearbeitet haben. Die Situation vieler Somalier Ende des 20. Jahrhunderts erinnerte an die Massenflucht der osteuropäischen Juden vor Kriegsverwüstungen und politischer Verfolgung. In London und anderen europäischen Großstädten fanden sie zwar Asyl, blieben jedoch vom Großteil der Industrie ausgeschlossen und sahen sich zudem einer tiefgreifenden Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. In dieser Situation besannen sie sich ihrer eigenen Geschichte als unternehmerische Zwischenhändler, nutzten die finanziellen Möglichkeiten, die ihnen allen Widrigkeiten zum Trotz in ihrer neuen Heimat geboten wurden, und schafften es somit, Gewinn aus der neuen Situation zu schlagen. Als viele Somalier Ende des 20. Jahrhunderts vor dem Bürgerkrieg flohen, befanden sie sich in einer ähnlichen Situation. In der neuen Heimat wurde ihnen oft der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt, meist aufgrund von Sprachbarrieren oder nicht anerkannten Qualifikationen. Also wendeten sie sich in großer Zahl dem zu, was sie am besten kannten – dem Unternehmertum.

Durch die daraus entstandene neuerliche Kapitalsicherheit übersteigt die Nachfrage nach Immobilien und Unterkunftsmöglichkeiten mittlerweile das Angebot. Das hat die Mietpreise in den besten Lagen teilweise verdreifacht. Hochhäuser ersetzen langsam die vom Kugelhagel gezeichneten und verkommenen Gebäude. „Der Immobiliensektor boomt in Mogadishu“, sagt Mak, ein britisch-somalischer Bauunternehmer, der nach 22 Jahren in England nach Somalia zurückkehrte. „Heute Abend hatte ich ein Meeting mit einem Kunden, der zu mir meinte, dass sich die Stadt auf dem besten Weg befände, in die Riege um Manhattan oder London aufzusteigen. Als ich 2009 hierher kam, habe ich ein Objekt mit einem Wert von rund 600.000 US-Dollar für 300 US-Dollar im Monat gemietet. Heute beträgt die Miete für dasselbe Gebäude etwa 4.500 US-Dollar.“

Omar Osman, der über 20 Jahre lang in den USA lebte, ist ebenfalls zurückgekehrt. Zusammen mit einem Geschäftspartner gründete er die Geschäftsbank First Somali Bank. Mit den Gewinnen eröffneten sie im Anschluss das Internetunternehmen Somalia Wireless, da sie in der wachsenden Nachfrage des privaten Sektors nach mehr Konnektivität die Entstehung eines ganzen Marktes vermuteten. „Als ich zum ersten Mal nach Mogadishu kam, lag die Internetversorgungsrate unter einem Prozent“, sagt Osman. „Mittlerweile ist die ganze Stadt abgedeckt. Einzige Ausnahme bleiben einige Gebiete, in denen die Verbindung noch lückenhaft ist. Aber daran arbeiten wir bereits.“

Die explodierenden Grundstückspreise und Kapitalflüsse verhelfen auch dem Gaststättengewerbe zu einem unvorhergesehenen Aufschwung. Im Sommer 2008 verließ der 42-jährige Koch Ahmed Jama seine Wahlheimat London, um in seine Geburtsstadt Mogadishu zurückzukehren. Nachdem er in den 1980er Jahren an einem Kochkurs in Birmingham teilgenommen hatte, wurde er von seiner Vermieterin angestellt, die sein kulinarisches Talent erkannte. Später eröffnete er eine Reihe von Restaurants, um tausende Somalier in London mit Speisen ihrer heimischen Küche zu versorgen. Sein Franchiseunternehmen Village restaurant gibt es mittlerweile auch in Mogadishu. Sein Erfolg hat ihm sogar einen Auftritt bei einem der bekannten TEDx talks eingebracht – der Titel seiner Rede lautete „Warum ich London den Rücken kehre, um Restaurants in Mogadishu zu eröffnen“. Mittlerweile ist die gehobene Gaststätte in der Makkah-al-Mukarramah-Straße ansässig, einer der bestgesichertsten Straßen der Stadt (obwohl es auch dort noch gelegentlich zu Bombenanschlägen kommt). Neben soor (Hirsepüree) mit Kamelfleisch serviert er dort zum Beispiel Filets vom fangfrischen Königsfisch, der über Holzkohle gegrillt und mit einer leichten, grünen Chilisauce verfeinert wird. Er ließ sogar eine 100 Kilo schwere Espressomaschine aus Europa einfliegen, stellte aber beim Anblick der nächsten Stromrechnung erschrocken fest, dass deren Verbrauch ein Vermögen kostete. Kurzerhand ersetzte er die elektronische Energiezufuhr durch Verbrennung von Kohle.

Diese zahlreichen Geschichten wie die des jungen Guled in Buhoodle mit seinen innovativen Spielzeug-Erfindungen, des Gründers einer exklusiven Restaurantkette oder den millionenschweren Geldüberweisungsinstituten zeugen vom ungebrochenen Erfindungsgeist der Somalier. Man kann nur hoffen, dass aus den anstehenden Wahlen im August eine Regierung hervorgehen wird, die in gleicher Weise die Kühnheit und Findigkeit an den Tag legt, die ihrem Volk zu eigen ist – und somit den ehemals gescheiterten Staat in eine Erfolgsgeschichte mit Signalwirkung für die ganze Welt transformieren kann. Getreu den oft zitierten Worten der Nationalhymne Somalias: „Soomaaliyeey toosoo“ – „Oh Somalia, erwache und wachse“!