10.03.2016
Übersetzt von Marietta Mayrhofer-Deak

„Das Internet ist das Benzin des 21. Jahrhunderts.“ Dieser Satz des ehemaligen Intel-Chefs Graig Barret ist auch im Senegal nicht auf taube Ohren gestoßen: Einer Studie des McKinsey Global Institute zufolge stellt das Web bereits 3,3% des Bruttoinlandprodukts des Landes. Es wurde damit zur Existenzgrundlage für viele junge Unternehmer im Senegal. Mit innovativen Projekten haben sie sich einen Namen gemacht.

Der 37-jährige Mamadou Diagne ist seit Anfang des Jahres 2000 in der digitalen Welt präsent. Heute leitet er ein Unternehmen, das Web-Auftritte zur Verfügung stellt und Domains hostet und vertreibt. Das Netz ist seine Existenzgrundlage. „Man kann mit dem Internet einen angemessenen Lebensunterhalt verdienen. Aber Millionen zu verdienen, so wie die amerikanischen Startups, ist derzeit noch schwierig, da unser Markt hier limitiert ist“, meint er.

Wenn Einschränkungen den Erfindergeist wecken

Mamadou spricht sich für Open Source Technologien im Senegal aus. 2011 kam ihm die Idee, eine Applikation zu entwickeln, mit der man per SMS über das Mobiltelefon twittern kann – ganz ohne Internetverbindung. Der sogenannte „Sn2tweeter“ wurde aus der Not heraus geboren: Damals war der Netzzugang im Senegal noch nicht erschwinglich, und Stromausfälle waren keine Ausnahme.

Sn2twitter ist simpel: „Die Twitter-Abonnenten schicken die Tweets von ihren Mobiltelefonen als SMS an uns. Wir leiten sie auf einen Gateway-Server weiter und verbinden sie mit den Konten der Nutzer.“

Eines der wichtigsten Themen für die Technologieentwicklung im Senegal sei Mamadou zufolge die Verfügbarkeit von freier Software und Open-Source-Daten. „Wir können nicht Lizenzen von Microsoft oder von anderen Konzernen kaufen, wo wir noch Probleme mit der Infrastruktur haben. Freie Tools stattdessen können wir an unsere Bedürfnisse anpassen“, sagt er.

Ganz im Sinne dieser Überzeugung  von einem freien Zugang ist die Plattform „Sénégal Ouvert“ entstanden, eine Art Informationsdatenbank über verschiedene Branchen. Das Ziel: „Mit Information gegen die Korruption ankämpfen und das Engagement der Bürger fördern“, so Mamadou.

Allerdings verfügt noch längst nicht die gesamte senegalesische Bevölkerung über einen Zugang zum Netz. Die nationale Telekommunikationsbehörde ARTP schätzt die Zahl der senegalesischen Internet-User auf gut drei Millionen, also etwa ein Viertel der Bevölkerung. Dieser relativ niedrige Anteil stellt auch einen Ansporn dar, in diesem Bereich tätig zu werden.

So sieht es auch Alexandre Lette. Vor vier Jahren gründete der 29-Jährige den „Rufisque Tech Hub“, ein Technologiezentrum in der Hauptstadt Dakar. Auf diese Weise versucht er, die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu bewerben. Seine Organisation besteht aus etwa zehn Mitgliedern. Ihr Credo: „Höre niemals auf, innovativ zu sein!“

Rufisque Tech Hub
Im Rufisque Tech Hub in Dakar

 „Wir arbeiten mit Unternehmen zusammen und helfen ihnen, eine Webseite einzurichten und ihr Angebot ihm Internet zu verbessern“, erzählt Alexandre. Der Journalist und Blogger will sich nicht damit abfinden, dass Unternehmen im digitalen Zeitalter noch immer analog denken. „Am zögerlichsten sind immer noch die Institutionen des öffentlichen Sektors“, sagt er hinter vorgehaltener Hand.

Das Internet im Dienste der Gesellschaft

Dass das Web durchaus auch gesellschaftliche Anliegen fördern kann, beweist das Projekt „Sunucause“ (Wollof für „unser Anliegen“). Es wurde 2012 von dem 33-jährigen Web-Aktivisten Cheikh Fall und weiteren Mitgliedern der senegalesischen Blogosphäre gegründet.

„Wir nehmen mit den Menschen Kontakt auf, erkundigen uns nach ihren Problemen und machen ihre Sorgen dann im Web publik. In gewisser Weise ist es ein humanitäres Projekt, das sich ausschließlich auf die neuen Medien stützt“. Beim schweren Hochwasser 2012 konnten über Sunucause 15 Mio. Frank CFA (umgerechnet ca. 30.000 Dollar) für die Opfer gesammelt werden. „Wir haben Familien in einer schwierigen Lage begleitet und haben Lebensmittel und Kleidung verteilt. Wir haben auch eine kostenfreie ärztliche Konsultation angeboten“, berichtet der Gründer.

Auch Frauen bringen sich ein

Das Web ist im Senegal längst keine Männerdomäne mehr. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes ist weiblich, und das zeigt sich auch bei vielen Innovationen im Web. Vier von der Leidenschaft zur Informatik ergriffene Frauen haben zum Beispiel den Verein „Jjiguenne Tech Hub“ gegründet. Unter den Gründerinnen war auch Marième Jame, die 2012 vom Forbes-Magazin als eine der einflussreichsten Frauen Afrikas bezeichnet wurde. Der Verein hat es sich nach eigener Aussage zum Ziel gesetzt, „Frauen auszubilden und ihre Kompetenzen in den Technologien zu stärken.“ Eine der Hauptaktivitäten des Vereins ist das „Girls Coding Camp“, das Schülerinnen in die Programmiersprachen HTML 5 und CSS einführt. „In den Informations- und Kommunikationstechnologien stehen Frauen den Männern in nichts nach“, berichtet Walter Nguamo, einer der Freiwilligen des Vereins.

Die Geheimnisse des unternehmerischen Erfolgs

Der Erfolg des Webs bleibt international unterdessen nicht unbeobachtet. Der Senegal zieht immer mehr globale Internetriesen an, wie etwa Google oder das deutsche E-Commerce-Unternehmen Rocket Internet. Auch das französische Informatikserviceunternehmen Atos plant in naher Zukunft die Einrichtung einer Technologieplattform vor Ort.

„Im Senegal ist ein großes Potential vorhanden. Unsere Entscheidung frühzeitig im Web aktiv zu werden, hat sich als richtig herausgestellt. Um etwas aufzubauen, braucht es nur Geduld“, meint Mamadou Diagne. Startup-Unternehmer Cheikh Fall fasst sein Geheimnis mit drei Worten zusammen: „Überzeugung, Motivation und Willenskraft“.  Und so werden beide auch weiterhin an Senegals Internet-Zukunft basteln.