07.06.2016
Übersetzt von Oliver Reimer

Und immer wieder die Regierung

Für viele Simbabwer ist sie beides, Freud und Leid: Die Regierung des Landes bringt sich immer wieder mit Geschichten um ihre eigene Inkompetenz ins Gespräch, auch beim Thema Wachteleier. Ende April hieß es plötzlich aus Harare, die Zucht solle verboten werden solle, da der gesundheitliche Nutzen der Eier anzuzweifeln sei. „Die Verbraucher sollten nicht in die Irre geführt werden“, ließ sich die Umweltministerin des Landes Oppah Muchinguri zitieren. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten, die Entscheidung wurde von vielen Teilen der Bevölkerung als entbehrlich kritisiert. Es folgte ein lachender Shitstorm - die Simbabwer sind es gewöhnt, die Allüren ihrer Regierung mit Humor zu nehmen, anders scheint es auch nicht zu gehen. Immerhin: Die Ministerin ruderte letzten Monat zurück, die Simbabwer hätten sie falsch verstanden. Es gehe gar nicht um die Zuchtvögel, sondern um solche, die in freier Wildbahn lebten. Immerhin seien die Vögel und deren Eier eine wertvolle Ergänzung im Speiseplan der Simbabwer. Wer hätte gedacht, dass ein so kleiner Vogel für soviel Wirbel sorgen kann.  

In Farai Mandebvus Hinterhof zwitschert es. Die 29-jährige Steuer- und Wirtschaftsprüferin ist eine der Besitzerinnen jener Wachtelställe, die neuerdings in Harare aus dem Boden schießen. Mehr als 5.000 Vögel nennt die Jungunternehmerin ihr eigen. Sie hat sich dazu entschlossen, im rasant wachsenden Wachtelmarkt Simbabwes mitzumischen.

Mit 200 Vögeln fing sie im Januar 2016 an. Die Idee zur Zucht hatte sie aus einem der Frauenselbsthilfevereine, die in Simbabwe Frauen mit Hilfe von Workshops zu unternehmerischen Themen zu mehr Eigenständigkeit verhelfen wollen. Eigentlich, so hieß es in dem Club, sei die Zucht besonders für den Export lukrativ, denn in Europa und China gelten die Eier und das Fleisch als Delikatessen. Doch ganz unerwartet fand Farai die Abnehmer gleich vor der eigenen Haustür: in Harare, der Hauptstadt Simbabwes.

Wundermittel Wachtelei?

Wie die meisten Wachtelzüchter denkt auch sie, dass dies der lukrativere Markt ist. Denn den Eiern wird ein hoher Nährwertgehalt nachgesagt und deshalb seien sie bei Menschen mit chronischen Leiden besonders beliebt, vor allem bei HIV-Infizierten und Menschen mit Bluthochdruck. Sie glauben, dass ihnen die Eier helfen können.

Es ist deshalb dieser Tage nicht ungewöhnlich, im Internet und den sozialen Medien Werbung für Wachteleier oder Zuchttrainings zu sehen. Auf den Straßen werden Abends Wachteln zum Kauf angeboten. Eine Palette Wachteleier kostet umgerechnet fünf US-Dollar und pro „Anwendung“ werden drei bis vier Eier roh oder gebraten verzehrt. Immer mehr Menschen wenden sich natürlichen Methoden zu, um sich fit zu halten, denn seit der Hyperinflation sind auch die Gesundheitskosten in die Höhe geschossen. Immer mehr Medikamente werden zur Mangelware. Es gibt unzählige Händler, die traditionelle Kräuter auf den Straßen anbieten. Doch es sind vor allem die kleinen Wachteleier, die die Simbabwer in Atem halten.

Screenshot einer Facebook Werbung für einen Workshop in Wachtelzucht
Screenshot einer Facebook-Werbung für einen Workshop in Wachtelzucht.

Prisca Ngwenya meint, den Erfolg der Eier bereits festgestellt zu haben:  Seit sie ihrem dreijährigen Sohn regelmäßig zwei Wachteleier pro Tag zu essen gibt, habe sich seine Gedächtnisleistung stark verbessert. Und Thomas Chisvo, Bluthochdruck-Patient, ist sich sicher, dass  sich sein Gesundheitszustand stabilisiert habe, seit er rohe Wachteleier isst. Bei seinen letzten beiden Besuchen beim Arzt lagen die Werte weit unter den bisher üblichen.

Als aufstrebende Wachtelzüchterin verwundern Linda Nyama diese Geschichten nicht. Sie verkauft selbst Wachteleier, aber bietet vor allem auch Trainings für Interessierte an: „Die Eier sind bekannt für ihren hohen Nährstoffgehalt. Es wird ihnen nachgesagt, dass sie das Immunsystem stärken, Allergien heilen können und Bluthochdruck lindern. Wir bieten unseren jungen Farmern an, ihnen nach dem Training ihre Eier abzukaufen und kümmern uns um den Weiterverkauf.“

Win-Win-Wachtelei

Ob sich die Simbabwer die Wunderkräfte der Eier nun einbilden oder nicht, der Hype um das vermeintliche „Superfood“ wird regelmäßig durch neue Artikel im Internet und den Sozialen Medien angefacht. Immer mehr Simbabwer werden dadurch selbst zu kleinen Wachtelunternehmern. Denn eines ist sicher: Die Eier sind auf jeden Fall ein Mittel gegen Armut, besonders für Frauen. Durch die hippen Eier lassen sich bis zu 300 US-Dollar zusätzliches Einkommen generieren. In einem Land mit hoher Arbeitslosenrate und großer Armut eine ordentliche Summe. Für die einen sind die Wachteleier ein spaßiges Trendessen, und ihnen geht es zumindest subjektiv besser damit; für die anderen hingegen sind sie ein gutes Zusatzeinkommen. So profitieren beide Seiten.