17.08.2016
Übersetzt von Konstantin Meisel

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Tidiane Kassé ist Chefredakteur der französischsprachigen Ausgabe von Pambazuka News. Er schrieb für JournAfrica! zuletzt über Migration und Flucht innerhalb Afrikas.

Zuletzt schrieb Patrick Jaramogi aus Uganda für JournAfrica! über die Einführung des einheitlichen afrikanischen Reisepasses. Der Artikel ist hier nachzulesen.

Es war eine symbolische Geste, die zahlreiche Afrikaner zum Träumen brachte. Als der ruandische Präsident Paul Kagame und sein tschadischer Amtskollege Idriss Déby die beiden ersten afrikanischen Reisepässe in die Kameras hielten, war dies wie der Beginn einer neuen Ära für Afrika.

Die Inhaber eines solchen Reisepasses können in verschiedene Länder reisen, ohne vorher ein Visum beantragen zu müssen – ein entscheidender Schritt hin zur langersehnten afrikanischen Einheit. Denn in Afrika wird schon lange etwas angestrebt, was in Europa längst Normalität ist: Reisefreiheit.

Trotzdem ist die Angst vor einer neuen Enttäuschung spürbar. Kagame und Déby sind, in ihrer Funktion als Staatspräsidenten, nicht gerade am dringendsten auf die neuen Pässe angewiesen. Die viel wichtigere Frage ist: Wann werden die ganz normalen afrikanischen Bürger die Freiheit haben, durch Afrika zu reisen und die künstlichen Grenzen zu überwinden, die sich durch die afrikanische Gemeinschaft ziehen? Denn die wahre gemeinsame afrikanische Geschichte ist eine Geschichte von Völkern, die seit über 400 Jahren unterworfen wurden und die noch immer versuchen, sich zu emanzipieren und zu befreien.

Die Situation der Migranten

Den Plänen der AU zufolge sollen die Pässe zunächst an die Staatschefs, die Außenminister und die ständigen Vertreter der Mitgliedsstaaten der AU ausgehändigt werden. Auf Grundlage der Agenda 2063 für die afrikanische Einheit sollen die Bürger ab 2025 über einen solchen Pass verfügen. Das bedeutet eine Wartezeit von zehn Jahren. Zehn lange Jahre, in denen alle möglichen Verzögerungen, Blockierungen und Rückzieher möglich sind. Denn mit der angestrebten Reisefreiheit steht viel auf dem Spiel. Zwei Drittel aller afrikanischen Migranten leben heute in Afrika, meist in unrechtmäßigen Verhältnissen. Unzählige „Ausländer“ werden aus gewissen Ländern abgeschoben: Ein Kubaner kann ohne Visum nach Algerien reisen. Unmöglich für einen Senegalesen. Ein Kenianer benötigt für Reisen in jedes afrikanische Land ein Visum – außer er geht nach Malawi, Botswana oder Sambia. Umgekehrt ist es sicherlich genauso.

Ein afrikanischer Reisepass ist also dringend notwendig, die Idee dazu existiert bereits seit geraumer Zeit. Beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union 2007 in Accra (Ghana) setzten sich verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen für die Einführung eines solchen Dokuments ein. Es brauchte zehn Jahre, bis die staatlichen Organe ebenfalls die Notwendigkeit sahen. Und es wird nochmal zehn Jahre dauern, bis der Pass für die Afrikaner Wirklichkeit wird. Die Vorsitzende der AU-Kommission, Dr. Dlamini-Zuma, bat die Länder, die afrikanischen Pässe selbst an ihre Staatsangehörigen auszuhändigen. Es wäre wohl besser gewesen, hätte die AU die verschiedenen Schritte und die konkrete Anwendung in einer Resolution festgelegt. Und es wäre noch besser gewesen, wenn die Aushändigung dieses Reisepasses einer einheitlich institutionalisierten Prozedur gefolgt wäre. So droht diese Initiative erneut im Sande zu verlaufen.

Panafrikanismus, nur eine Illusion?

Denn mit diesem Dokument hat Afrika noch lange keine Einheit erreicht. Der panafrikanische Traum der Unabhängigkeits-Pioniere wie Kwame Nkrumah ist noch immer eine Illusion. In den Völkern, die trotz zahlreicher Teilungen in ihrer bewegten Geschichte dennoch ein gemeinsames Selbstverständnis teilen, mag dieser Traum fortleben. Doch die Staatschefs hängen noch immer der anachronistischen Vorstellung souveräner Kleinstaaten an.

Afrika ist ein geteilter Kontinent. Daher müsste der Pass von anderen Rechten begleitet werden, die eine echte afrikanische Staatsbürgerschaft ermöglichen – sodass sich irgendwann ein Guineer wirklich wie ein Liberianer fühlt, wenn er in Liberia ist. Die AU hätte mit der Vereinigung der einzelnen souveränen Staaten beginnen können: eine gemeinsame Stimme (Einheit bei außenpolitischen Angelegenheiten), ein gemeinsames Verteidigungsbündnis (Einheit in der Verteidigung), eine gemeinsame Währung (Währungseinheit).

Dies hätte der Beginn einer afrikanischen Verfassung sein können, mit dem klaren politischen Willen, eine feste Gemeinschaft zu bilden. Der Afrikapass würde diese Gemeinschaft bekräftigen. In der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (CEDEAO ) wurde nach Jahren, in denen die Reisefreiheit in den Mitgliedsstaaten bereits durch die nationalen Reisepässe gewährleistet wurde, ein regionaler CEDEAO-Reisepass eingeführt. Doch dieser Pass ist nicht vergleichbar mit dem afrikanischen Pass, da durch den CEDEAO-Reisepass eine bereits bestehende Situation nur bestärkt wurde.

Dennoch kann man die Begeisterung rund um die Einführung eines afrikanischen Reisepasses verstehen. Für Völker, deren historisches Gebiet über aktuelle Ländergrenzen hinausgeht, stellen diese Grenzen eine echte Begrenzung in ihrem Leben dar. In der Zeit vor der Kolonialisierung gab es in Westafrika vornehmlich homogene, quasi einheitliche Gebiete über die Zeit des Reichs von Mali, des Reichs von Ghana und des Reichs von Songhai [entspricht dem heutigen Nordbenin und Westniger, Anm.d.Red.] hinweg. Diese Königreiche wurden mit der Eroberung durch die Kolonialmächte, vornehmlich durch Frankreich und Großbritannien, zerschlagen. Bei der Berliner Konferenz 1884-1885 wurden diese Gebiete auf dem Reißbrett geteilt, ohne auf kulturelle oder soziale Einheiten und gemeinsame Lebensräume Rücksicht zu nehmen.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern

Als die afrikanischen Staaten schließlich unabhängig wurden, sollte die Beibehaltung dieser Grenzen vor territorialen Konflikten schützen. Doch dieses Regierungsprinzip wurde im Laufe der Zeit zu politischem Eigennutz und führte zu Staaten, deren „Unabhängigkeit“ völlig bedeutungslos war. Außer ihrer Flagge und ihrer Nationalhymne hatten sie nichts, was ihre Existenz als Staat legitimierte. Die ehemaligen Kolonialmächte behielten sie in einem Zustand der Abhängigkeit. In den allermeisten afrikanischen Staaten ist dieses Problem auf wirtschaftlicher, militärischer und politischer Ebene noch immer vorhanden – und wird so zu einem der größten Hindernisse für eine Einheit des Kontinents.

Mit der Einführung eines afrikanischen Reisepasses wird der allgemeinen Hoffnung auf Einheit nicht Rechnung getragen. Die kleinen Einheiten (also die 54 afrikanischen Staaten) können unmöglich prosperieren. Wenn ein Land wie Mali auf Frankreich angewiesen ist, um gegen die Destabilisierung im Norden zu kämpfen und wenn kein anderes afrikanisches Land imstande ist, Mali wirkungsvoll Beistand zu leisten, dann muss man sich die Frage gefallen lassen, ob hier noch von einem Staat gesprochen werden kann – und das gilt nicht nur für Mali, sondern auch für allen anderen Staaten.

Die afrikanische Identität

Man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber die Zukunft gestalten. Die Präsentation des neuen afrikanischen Reisepasses beim Gipfeltreffen der AU wäre ein bedeutender Schritt, würde sich mit seiner Einführung in Zukunft Grundlegendes ändern. Doch ein Pass ist nicht identitätsstiftend, sondern nur ein Dokument, das zum Verreisen dient. 

Die ersehnte afrikanische Identität geht weiter als der Kontinent und berührt auch die Diaspora. Natürlich betrifft der afrikanische Reisepass nicht alle Kinder Afrikas, die überall auf dem Planeten verstreut leben. Dieser Reisepass kann kein Selbstzweck sein. Er bedeutet in keiner Weise die Einheit eines Kontinents. Ein wichtiger Schritt wäre mit diesem Pass getan, doch auf dem Weg zur afrikanischen Einheit ist dieser Schritt bei weitem nicht der wichtigste. Es wird noch lange dauern, bis die politischen Vertreter mit einer Stimme reden werden, bis wirtschaftliche Entscheidungen wie eine Gemeinschaftswährung getroffen werden und bis der Kontinent durch gemeinsame militärische Bestimmungen gesichert wird. Die afrikanische Identität ist mehr als ein Dokument. Sie ist real.