08.03.2016
Übersetzt von Tobias J. Koch

Vor langer Zeit konnte man sich nichts Besseres vorstellen, als bei der Uganda Cement Industry (UCI) in Ostuganda zu arbeiten. Das Land hatte sich gerade aus dem Griff der Kolonialherren befreien können. Die Fabrik florierte. Es war ein Privileg hier eine Anstellung zu bekommen.

In den Sechziger Jahren, den frühen Stunden der Unabhängigkeit, warteten jeden Morgen zufriedene Arbeiter vor den Toren der Fabrik auf den Arbeitsbeginn und quatschten. Abends in den Bars war es leicht zu erkennen, wer für UCI arbeitete. „Sie tranken nur Whisky oder teures Bier“, erinnert sich der frühere Angestellte Mzee Kiliano Obonyo. „UCI zahlte gut, die Arbeitskleidung war sauber. Jeder wollte dort arbeiten.“

Die Uganda Cement Industry wurde 1952 von den britischen Kolonialherren gegründet. Nach Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1962 ging das Unternehmen in die Hände der ugandischen Regierung. Die Arbeitsbedingungen erinnerten damals an Sklavenarbeit. Das neu formierte Unternehmen verbesserte die Umstände enorm. Die Regierung reformierte die Löhne sowie den Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Die fetten Jahre sind vorbei

Die Tage, an denen UCI ein Beispiel für Fortschritt war, sind schon lange vorbei. Im Zuge einer von der Weltbank initiierten Privatisierungsmaßnahme verkaufte die Regierung UCI 1995 an eine Reihe von Investoren, die dem Werk den Namen Tororo Cement Limited gaben.

Tororo Cement ist alles andere als ein traumhafter Arbeitsplatz. Heute lebt eine Vielzahl der Angestellten von Tororo in Camps in der Nähe der Fabrik. Die Arbeiter erkennt man leicht an ihren mit Teer bedeckten Händen und einem hartnäckigen, teils blutigen Husten. Andere haben bei Betriebsunfällen teils gravierende Verletzungen davon getragen. Viele ärgern sich über karge Gehälter, fehlende Schutzkleidung und grundlose Gehaltsabzüge.

Die meisten wissen jedoch nicht, an wen sie ihre Beschwerden richten sollen. Arbeiten sie nun für Ostafrikas größten Stahl- und Zementhersteller Tororo Cement Limited, der sich immer wieder einen unermüdlichen Einsatz für Arbeits- und Gesundheitsschutz auf die Fahnen schreibt? Oder schuften sie nicht doch für die T&K Agentur, die sie an Tororo vermittelt hat?

„Normalerweise sagen sie dir bei Tororo, dass es im Augenblick keine Arbeit gibt,“ erklärt James Okware, der Zementpackungen schleppt und beschriftet. Aus Angst seinen Job zu verlieren, möchte er seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. „Wenn du dann aber gehst, kommt T&K auf dich zu und bietet dir genau den gleichen Job an, den du vorher gemacht hast. Wenn du einen Truck gefahren hast, wirst du den gleichen Truck für die gleiche Fabrik fahren – nur als Angestellter von T&K.“

Outsourcing oder Ausbeutung?

Manchmal werden Arbeiter von Tororo entlassen, um dann für ein niedrigeres Gehalt von T&K wieder eingestellt zu werden. Dadurch geraten die Arbeiter in eine rechtliche Bredouille: bei Tororo können sie sich nicht beschweren, da dies nicht ihr Arbeitgeber ist. T&K hingegen umgeht die Zuständigkeit, indem sie behaupten, dass sie nicht für die Handlungen von Tororo verantwortlich seien.

James Okware hat im Jahr 2014 angefangen in der Fabrik zu arbeiten. Auch er leidet heute an hartnäckigem Husten. Tororos Arzneiausgabe verfüge aber nur über Schmerzmittel, sagt er. Die Akten des St. Anthony Krankenhauses, das hauptsächlich kranke und verletzte Arbeiter behandelt, zeugen hauptsächlich von Unfällen und schwerwiegenden Entzündungen der Atemwege, die auf das Einatmen von Zementstaub zurückzuführen sind.

Die schlechten Arbeitsbedingungen bei Tororo halten an, obwohl Uganda die meisten der internationalen Verträge zum Arbeitsrecht unterschrieben hat. Im Jahr 2006 wurden im Parlament einige Gesetze verabschiedet, die die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen verbessern sollten. Diese Reformen gingen teilweise auf die Initiativen von Tororo-Arbeitern zurück, die mehrmals protestiert hatten. Die Gesetzgeber erkannten damals, dass Tororo kein Einzelfall ist. Denn auch viele andere ugandische Arbeiter schienen äußerst unzufrieden zu sein: Angestellte von Zucker- und Blumenplantagen beschwerten sich genauso wie die Beschäftigten anderer privater Unternehmen.

Die Regierung scheint überfordert

Laut einem Bericht der lokalen NGO Foundation for Human Rights Initiative (FHRI) aus dem Jahr 2010 wurden jene Reformen jedoch nicht durchgesetzt. Die Organisation macht der Regierung schwere Vorwürfe für ihre „laissez-faire“-Mentalität.  Sie führt dies auf die Furcht zurück, dass die Durchsetzung der Gesetze Investoren abschrecken könnte. Die Friedrich-Ebert-Stifung zeigt auf, dass die Regierung überhaupt nicht über ausreichend Mittel und Kapazitäten verfüge, um Arbeitsrechte tatsächlich durchsetzen zu können. Das zuständige Ministerium für Gleichberechtigung, Arbeit und soziale Entwicklung ist erschreckend unterfinanziert.

Livingstone Sewanyana ist Direktor des FHRI. Er bestätigt ebenfalls, dass die meisten ugandischen Arbeiter keine Ahnung von ihren Rechten hätten. „Nicht nur die Gelegenheitsarbeiter, sondern auch Lehrer und Ärzte drohen mit Streiks“, sagt er. Doch meist seien die Streiks nur von kurzer Dauer und eher ein Ausdruck der Frustration als eine Wahrnehmung der eigenen Rechte, betont Sewanyana. Die harte Konkurrenz um die wenigen verfügbaren Jobs macht eine Verbesserung der Konditionen unmöglich. Dem FHRI zufolge hätten nur 20% der Beschäftigten eine reguläres Einkommen und nur 5 % eine permanente Anstellung. Zudem fänden rund zwei Drittel der Jugendlichen keine Arbeit.

Für die wenigen Erwerbstätigen gilt also ein beinharter Konkurrenzkampf, den sie ohne Rücksicht auf die Arbeitsbedingungen austragen. „Jeder Krankheitstag bedeutet Lohnabzug,“ sagt Sewanyana. „Die Arbeiter wissen, dass ihre Stelle jederzeit von jemand anderem übernommen werden kann – Arbeitsbedingungen hin oder her. Die Regierung tut zu wenig für die Einhaltung der Bürgerrechte auf dem Arbeitsmarkt.“

Das kennen die Angestellten bei Tororo nur zu gut: „Wir haben schon so viele Beschwerden eingereicht,“ sagt James Okware. „Unternommen wird aber nichts. Wir haben das Gefühl, dass uns die Regierung aufgegeben hat.“

Erstveröffentlichung: From dreams to demons