08.05.2015
Übersetzt von Manuela Kleindienst

Es ist angesehen, Frauenrechte zu verteidigen. Noch angesehener ist es, wenn die Frauen, für deren Rechte man sich einsetzt, arme, misshandelte, unterdrückte afrikanische Frauen sind. Hinter den Frauenrechten zu stehen bedeutet, auf der richtigen Seite der Politik zu stehen. Die Afrikanische Union ließ es sich daher nicht nehmen, das Jahr 2015 zum Year of Women's Empowerment, zum Jahr der Stärkung und Unterstützung der Frauen, zu erklären.

Um ihr Engagement in dieser Angelegenheit unter Beweis zu stellen, wird in den Verfassungen der meisten afrikanischen Länder die Gleichstellung der Frau garantiert. Außerdem hat ein Großteil der afrikanischen Länder die wichtigsten internationalen Konventionen unterzeichnet. Dennoch gibt es stillschweigende Bedingungen, die großen Einfluss auf die Einstellung der afrikanischen Bevölkerung gegenüber den Frauenrechten haben. Dazu gehört die Bedingung, dass eine afrikanische Frau ihre Rechte innerhalb gewisser Grenzen in Anspruch nehmen kann. Die Grenze ist allerdings schon gezogen, sobald der einfache afrikanische Mann beginnt, sich bedroht zu fühlen. Ab einem gewissen Punkt, an dem eine Frau ihre Recht zu sehr genießt, wird sie als 'unafrikanisch' betrachtet.

Nicht nur gute Nachrichten

Als wir Anfang März den internationalen Frauentag feierten, haben wir uns über die Nachricht gefreut, dass die politische Vertretung afrikanischer Frauen zunimmt. Wir sind dankbar für den Rückgang von Mütter- und Kindersterblichkeit, von Gräueltaten wie der Verstümmelung weiblicher Genitalien, aber auch geschlechtsbezogener oder sexueller Gewalt. Und gleichzeitig trauern wir um die dreißig Frauen, die im subsaharischen Afrika noch immer jede Stunde wegen Komplikationen in der Schwangerschaft sterben.

Wir singen ein Klagelied für die vier von fünf Kindern, die ihren fünften Geburtstag nicht erleben. Schmerzhaft fragen wir uns nach dem Schicksal der vermissten nigerianischen Schulmädchen, den 'Chibok girls', und wissen, dass bei allem Optimismus für die 'Stärkung der Frau' die Zukunft afrikanischer Frauen ungewiss ist.

Wegen unangemessener Kleidung öffentlich bloßgestellt

Erst vor Kurzem haben Männer in Ostafrika ihrem Unmut darüber freien Lauf gelassen, mit welcher Geschwindigkeit sich Frauen in Richtung dieser 'Stärkung' entwickeln. Diese Männer rissen Frauen, die ihrer Ansicht nach für die Öffentlichkeit unangemessen angezogen waren, die Kleidung vom Leib.

In Uganda wurden Männer durch das Anti-Pornographie-Gesetz und einen Aufruf von Ethikminister Simon Lokodo angespornt. Er ist für Aussagen wie diese bekannt, dass es natürlich sei, Frauen zu vergewaltigen oder sie zu "disziplinieren", wenn sie Männer durch ihre Kleidung “irritieren". Afrika ist ein Kontinent, wo männliche politische Führer Kinderbräute heiraten, physische Gewalt gegenüber ihren Partnerinnen anwenden und ganz offen Affären haben können (niemand scheint sich daran zu stören).

Die in Erniedrigung lebende afrikanische Frau ist so normal geworden, dass selbst die 'Internationale Gemeinschaft', bei der Afrikaner oft um Hilfe bitten, wenn ihre Regierungen sie im Stich lassen und die als Reaktion auf politische Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzungen schnell Sanktionen fordert, selten gehört wird, wenn es um Frauenrechte geht. 2013 verabschiedete Uganda das Anti-Pornographie-Gesetz und das Anti-Homosexuellen-Gesetz – das eine richtet sich gegen 'unanständige' Frauen,  das andere gegen Homosexuelle.

Frauen haben keine Lobby

Die internationale Gemeinschaft reagierte umgehend auf das Anti-Homosexuellen-Gesetz: mit einer drastischen Senkung von Hilfsmitteln und der Einführung eines Reiseverbotes für Personen, die dieses Gesetz unterstützten. Politischer und wirtschaftlicher Druck halfen, das Gesetz innerhalb nur weniger Monate zu annullieren.  Das Anti-Pornographie-Gesetz ist jedoch noch immer in Kraft und in Uganda werden Frauen regelmäßig auf der Straße entkleidet, festgenommen und wegen ihrer Kleidung bestraft.

Afrikanische Frauen sitzen jedoch nicht herum und warten auf jemanden aus der westlichen Welt oder einem reichen Land, der sie rettet. Die jahrzehntelang miterlebten Kämpfe haben sie eines besseren belehrt. Ugandische Frauen haben gegen das Anti-Pornographie-Gesetz demonstriert und stellen seine Verfassungsmäßigkeit vor Gericht infrage.

Als in Kenia Frauen auf ähnliche Weise entkleidet wurden wie in Uganda, gingen sie für ihr Recht, tragen zu können was sie wollen, auf die Straße. Nachdem die 'Chibok girls' gekidnappt wurden, haben nigerianische Frauen tagelang demonstriert. Sie stellen die halbherzige Reaktion ihrer Regierung  weiterhin infrage.

Selbst unter denjenigen, die die Menschenrechtsbewegung in Afrika unterstützen, gibt es Bedenken darüber, wie weit eine afrikanische Frau gehen sollte, um ihre Rechte geltend zu machen. Versuche, hart erkämpfte Rechte rückgängig zu machen, werden mit dem Argument des  'Kulturrelativismus' gerechtfertigt. Befürworter argumentieren, dass Afrika die Menschenrechte anders auslegen kann als der Rest der Welt. 

Die neue furchtlose Generation der Frauen

Doch die Forderungen der afrikanischen Frau verwandeln sich in etwas, das sich die meisten Menschen nie vorgestellt hätten. Das afrikanische Mädchen, das nur dafür betete, dass seine Eltern soviel Verstand hätten, ihre Genitalien nicht beschneiden zu lassen oder sie nicht mit dem ältlichen Nachbarn zu verheiraten, hat dank der Frauenrechtsbewegung zur Schule gehen können und ist zu einer einflussreichen Stimme geworden.

Sie ist die junge Anwältin, Ärztin, Lehrerin, Ingenieurin oder Journalistin, die sich nicht mit einer zaghaften Einstellung zu den Frauenrechten zufrieden gibt. Sie äußert sich lautstark, ist selbstbewusst und bereit, den Fortschritt, der sie so weit gebracht hat, furchtlos zu verteidigen. Sie ist die Frau, die während der Demonstration gegen die Entkleidung von Frauen durch Männer das Plakat mit der klaren Botschaft an den Ethikminister hochhielt: "Lokodo, hold your libido." ("Lokodo, zügle deine Libido.")

Ihre Herangehensweise lässt frühere Mitglieder der Frauenrechtsbewegung aufschrecken: Diese bitten darum, nicht zu aggressiv aufzutreten, damit die Chance auf einen 'Dialog' mit den Tyrannen nicht ruiniert wird.

Doch der Dialog hat die Frauenrechte in Afrika erst soweit gebracht. Afrikanische Regierungen billigen die Vorstellung, dass Frauen so viel erreicht haben, aber ihre Geschwindigkeit nun bremsen müssen. Deswegen stößt die Frau, die Genitalverstümmelung, frühe Ehe oder Gewalt überlebt hat und nun versucht, ihren Platz im öffentlichen Raum einzunehmen, schnell an die gläserne Decke, die 'afrikanische Kultur' heißt. Die gleichen afrikanischen Politiker, die zustimmen, dass diese 'traditionellen' Verletzungen von Frauenrechten nicht hinnehmbar sind, haben neue gefunden, um sie zu ersetzen.

Erstveröffentlichung: 'African Culture' Is the Biggest Threat to the Women's Rights Movement