22.12.2014
Übersetzt von Tobias Koch

Lange Jahre war Blaise Compaoré Burkina Fasos mächtiger Präsident. Es ist zu hoffen, dass er nun die Ironie seines Unterganges erkennt, während er im Exil die Ereignisse in seinem Land verfolgt. Bevor er Ende Oktober durch Proteste der Bevölkerung gestürzt wurde, war Compaoré einer der dienstältesten Staatschefs von ganz Afrika. Laut Verfassung hätte er nach den Wahlen im November 2015 zurücktreten müssen. Es gibt aber kaum Zweifel daran, dass er sich auch nach 27 Jahren an der Macht weiterhin Einfluss gesichert hätte.

Doch selbst das war zu wenig für Compaoré. Auf den Versuch die Verfassung zu seinem Vorteil zu ändern, folgte ein abruptes und dramatisches Ende seiner Amtszeit. Als sich am 30. Oktober das Parlament auf die Abstimmung zur Verfassungsänderung vorbereitete, hätte Compaoré die Stimmung in der Bevölkerung nicht krasser missverstehen können. Zehntausende gingen an diesem Tag auf die Straßen. Sie trotzten Tränengas und Gummigeschossen und setzten mehrere Gebäude in Brand, darunter das Hauptquartier der regierenden Partei und das Parlament.

Compaoré war fassungslos, sträubte sich dennoch, bis er am folgenden Tag durch die stärker werdenden Proteste und den innerstaatlichen Druck zum Handeln gezwungen war. Er verkündete seinen Rücktritt. Nach einigem Hickhack innerhalb der Armee wurde Oberstleutnant Isaac Zida als kommissarischer Präsident auserkoren.

Nach fast drei Jahrzehnten hatten die Burkiner genug von ihrem Anführer, und als sie sich auf den Straßen versammelten, konnte Compaoré Plakate in ihren Händen sehen. „Blaise, hau ab!“ skandierten sie. Während ihm aufging, dass sich seine Herrschaft einem unrühmlichen Ende nähern würde, musste Compaoré ebenfalls bemerken, dass nicht nur sein eigener Name kursierte. Immer wieder ertönten Rufe nach „Thomas Sankara, Thomas Sankara“.

Viele Demonstranten bezeichneten sich sogar als Sankaristen. Einige trugen Bilder des jungen Mannes mit sich. Compaoré war selbst noch ein junger Mann gewesen, als er das leibhaftige Gesicht Sankaras das letzte Mal gesehen hatte. Mit Sicherheit hatte er damals nicht die leiseste Ahnung, dass ihn diese Legende, 27 Jahre später, einholen würde.

Ein Held des Volkes: Thomas Sankara

Wer war Thomas Sankara?

Im Jahr 1983 kam Hauptmann Thomas Sankara durch einen von seinem damaligen Verbündeten Compaoré organisierten Putsch an die Macht und wurde Burkina Fasos Präsident. Sankara schuf den Nationalen Revolutionsrat (CNR) und etablierte die Komitees für die Verteidigung der Revolution (CDR), um die „Massen mobilisieren“ und die revolutionären Programme umsetzen zu können.

Sankara war ein charismatischer Anführer, dessen scharfe marxistische Rhetorik mit dem Tatendrang einherging, ein stolzes, selbstständiges und selbstbewusstes Land zu schaffen. In einem symbolischen Akt begründete er diese neue Ära: Er gab seinem Land Obervolta den neuen Namen Burkina Faso, was in den Sprachen Moré und Djula „Land des aufrechten Menschen“ bedeutet.

Auf internationaler Ebene wollte Sankara die Dominanz Frankreichs und die Abhängigkeit von ausländischen Mächten beenden. Er kappte die Verbindungen zum Internationalen Währungsfond (IMF) und zur Weltbank und weigerte sich ausländische Finanzhilfen zu akzeptieren. „Die Hand, die dich füttert“, sagte er, „kontrolliert dich“.

Sankaras revolutionärer Geist war aber vor allem im Inneren des Landes spürbar. Er glaubte an ein autarkes, prosperierendes Burkina Faso und startete visionäre Initiativen. Grundeigentum und Bodenschätze wurden verstaatlicht. Ein Bildungsprogramm sorgte binnen zweier Jahre für eine Verdopplung der Schülerzahlen. Der Ausbau der Gesundheitsversorgung ermöglichte die Impfung von 2,5 Millionen Kindern.

Darüber hinaus initiierte Sankara zahlreiche Straßen- und Schienenbauprojekte, leitete ein Aufforstungsprogramm mit 10 Millionen Bäumen ein, um das Fortschreiten der Wüste zu stoppen. Er regte an, dass jedes Dorf eine Apotheke errichten sollte und sorgte dafür, dass 350 Gemeinden aus eigener Kraft ihre Schulen bauten. Seine Regierung verteilte Land von Feudalherren an Bauern um, was zur Verdopplung der Weizenproduktion des Landes führte. Dank Sankaras Engagement konnte sich Burkina Faso nun beinahe aus eigener Kraft mit Grundnahrungsmitteln versorgen.

Mit seinem Einsatz für die Rechte der Frau war er seiner Zeit ebenfalls weit voraus. Er untersagte Zwangsheiraten und die Beschneidung von Frauen. Zum ersten Mal durften Burkinerinnen unabhängig eine Scheidung beantragen. Der Präsident bestimmte gezielt Frauen für sein Kabinett und das Militär. „Die Revolution und die Emanzipation der Frau gehören zusammen,“ sagte er. „Dass wir heute über die Emanzipation der Frau sprechen, ist kein Akt der Wohltätigkeit oder plötzliches Mitgefühl. Sie ist eine fundamentale Notwendigkeit für den Erfolg der Revolution.“

Zwischen Hass und Verehrung

Thomas Sankara lebte das, was er predigte. Er verachtete Prahlerei. Er verkaufte die luxuriösen Limousinen der Regierung und ersetzte sie mit den billigsten Peugeots, die der Markt hergab. Er kürzte sein Gehalt auf 450 US-Dollar im Monat und fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit. Zum Zeitpunkt seines Todes bestand Sankaras Gesamtvermögen aus einem bescheidenen, noch abzuzahlenden Haus, 350 US-Dollar auf der Bank und einigen Fahrrädern und Gitarren.

All das machte Sankara zu einem Vorbild der afrikanischen Massen – und schürte die Feindseligkeit anderer: Einige Gewerkschafter, die überschaubare, aber doch aufkeimende burkinische Mittelschicht und schließlich all jene Feudalherren, denen Sankara Rechte und Privilegien genommen hatte, richteten sich gegen ihn. Er zog den Hass Frankreichs auf sich und den seiner afrikanischen Verbündeten, insbesondere des ivorianischen Präsidenten Félix Houphouët-Boigny.

Die Abneigung gewann schließlich die Überhand: Der sozialistische Präsident wurde am 15. Oktober 1987 in einem Putsch gestürzt und ermordet – angeführt von seinem engsten Vertrauten, Blaise Compaoré. Sankara könnte geahnt haben, dass er in Gefahr war. Eine Woche vor seiner Ermordung verkündete er prophetisch: „Revolutionäre können getötet werden, doch ihre Ideen sind unsterblich.“

Korruption und Vetternwirtschaft unter Compaoré

Compaoré distanzierte sich von diesen Ideen unmittelbar nach der Machtergreifung und startete ein Privatisierungsprogramm, das vom IMF finanziert wurde und die engen Verbindungen zu Frankreich wieder aufnahm. Compaorés Amtszeit zeichnete sich von Beginn an durch Korruption und Vetternwirtschaft aus.

Während Sankara versuchte hatte, mit revolutionärem Geist Unabhängigkeit, Selbstversorgung und Souveränität durchzusetzen, und damit zahlreiche Interessen durchkreuzte, tat Compaoré genau das Gegenteil. Wie bei so vielen anderen afrikanischen Anführern beruhte seine Legitimität und politische Langlebigkeit auf der Unterstützung von internationalen Freunden und einer kleinen politischen und wirtschaftlichen Elite. Auf internationaler Ebene machte sich Compaoré als verlässlicher Partner und unbescholtener Staatsmann einen Namen. Innerstaatlich trieb er einen Keil in die Opposition und ging politische Zweckehen ein, die ihm erdrutschartige Siege in fragwürdigen Wahlen einbrachten. Im Jahr 2005 erzielte er 80,4 % der Stimmen, sein Konkurrent lediglich 4,9 %. Fünf Jahre später erreichte der Zweitplatzierte 8,2 % und musste sich erneuten 80,2 % von Compaoré geschlagen geben.

Der Mut und die Widerspenstigkeit der Burkinabé haben nun dafür gesorgt, dass Compaoré keine Wahl mehr gewinnen wird. Dennoch bleibt es ungewiss, was als nächstes passiert. Die Intervention des Militärs sicherte Stabilität, als Compaorés Abschied ein Machtvakuum hinterließ. Doch das Volk, das sich gerade von einem starken Mann befreit hat, wird sich nicht damit zufrieden geben, dass einfach ein anderer an dessen Stelle tritt. Regionale Organisationen wie die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und die Afrikanische Union beobachten die Lage genau. Sie haben bereits Druck auf die Militärregierung ausgeübt und fordern eine kommissarische zivile Regierung.

Es wäre ein Leichtes sich vorzustellen, wie Sankara jetzt nach 27 Jahren aus dem Exil zurückkehrt und umringt von Burkinern stolz in sein früheres Büro marschiert. Doch dem ist nicht so. Seine Worte gewinnen nichtsdestotrotz wieder an Bedeutung: „Individuen können getötet werden, doch ihre Ideen sind unsterblich.“ Für Compaoré war es bereits zu spät, als diese revolutionäre Botschaft Sankaras in die Gegenwart schallte. Doch jeder zukünftige Anführer Burkina Fasos täte gut daran, sie in Erinnerung zu behalten. 

Erstveröffentlichung: You cannot kill ideas