12.03.2015
Übersetzt von Tobias Koch

Es ist das Jahr 2015. Lagos kocht über vor neuen Ideen und Innovationen, internationalen Partnerschaften und Unternehmen, Baustellen und noch nicht fertiggestellten Straßen. Der Geruch von Verschmutzung, Globalisierung und Hoffnung liegt in der Luft. Die Wahlen stehen kurz bevor und wir sollen uns zwischen den zwei denkbar schlechtesten Kandidaten entscheiden, zwischen zwei faulen Äpfeln, von denen 'der eine trotz allem besser sein soll als der andere'.

Bezüglich der großen Tragödien unserer Zeit hat es der Präsident vorgezogen stumm zu bleiben und es nicht einmal vermocht etwas Mitgefühl, geschweige denn etwas Konkretes, hervorzubringen. Ihm gegenüber steht ein ehemaliger Staatspräsident (Anm. d. Red.: Muhammadu Buhari hatte das Amt zwischen 1983 und 1985 inne), der sich während seiner Regierungszeit weder im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung noch der Bekämpfung von Korruption mit Ruhm bekleckert hat und sich eher darum bemühte die Meinungs- und Pressefreiheit einzuschränken. Welcher von beiden Äpfeln wird nun schneller faulen?

2011 habe ich gewählt, obwohl die Konstellation ähnlich war wie heute - ein Kandidat sollte 'besser' als der andere sein, aber beide entsprachen letztlich nicht den Erwartungen.

Nichts hat sich verändert

Man wird mir jetzt möglicherweise vorwerfen, dass ich keine Ahnung von den 'Fakten' hätte und das trifft zum Teil vielleicht sogar zu. Ich weiß jedoch ganz sicher, was ich auf meinem täglichen Arbeitsweg über die dritte Festlandbrücke in Lagos sehe: Menschen, die im Slum Makoko mehr oder weniger im Wasser leben. Ich sehe im Straßenverkehr herumstrolchende Kinder, Bettler mit ihren Kindern auf dem Rücken und über 50 in Busse gepresste Menschen, obwohl die Fahrzeuge nur für 20 Personen ausgelegt sind.

Wenn ich auf die Arbeit komme, funktioniert das Internet nicht. Darüber hinaus schaltet der Energieversorger PHCN immer wieder den Strom ab. Am Ende des Monats bringen einige Kollegen ihren Familien 20 000 Naira (etwa 100 US-Dollar) oder weniger mit nach Hause.

Im letzten Jahr sind über 200 Mädchen verschwunden und Tausenden hat der Terror namens Boko Haram das Leben genommen. Zur gleichen Zeit hat die Regierung große Zeremonien abgehalten, die sie durch unendliche Mengen veruntreuter Gelder finanziert.

Nigeria wird als größte Volkswirtschaft Afrikas bezeichnet, aber niemand hört die Schreie derjenigen, die wegen der mangelhaften Grundversorgung, des stagnierenden Bildungswesens oder des schlechten Gesundheitssystems leiden. Niemand spricht auch nur im Entferntesten darüber, wie es mit der Reduzierung der Armut vorangeht.

Von der Korruption aufgefressen

Im Jahr 2015 erwartet man von mir, dass ich Politiker wähle, die sich mehr um ihre ausländischen Geldanlagen als um ihr Volk kümmern, das an leicht heilbaren Krankheiten zugrunde geht. Man sagt mir, dass ich wählen soll, um mein demokratisches Recht wahrzunehmen. Aber kann wirklich von einer fairen Wahl die Rede sein, wenn 'die Massen' für die Partei stimmen, die ihnen das dickste Geldbündel verspricht? Kann eine Wahl überhaupt demokratisch sein, wenn die Seele des Volkes von der Korruption aufgefressen wird?

Man verlangt von mir meine Stimme abzugeben, während keine der Parteien ein umfassendes Programm vorgelegt hat, wie sie Nigerias soziale, politische und ökonomische Herausforderungen bewältigen will.

Es gibt keinerlei Garantien für Jobs, innere Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und Strom. Und ich soll wählen gehen?

Leiden und lächeln zugleich

Viele Leute erklären mir, dass sich nichts verändern wird, wenn ich nicht wählen gehe. Ich bin aber überzeugt, dass eine Regierung vom Volk getragen wird. Wenn also die Regierung versagt und der „top-down“-Ansatz nicht funktioniert, muss sich das Volk erheben.

Da wir Nigerianer anscheinend nicht konsequent genug darin sind einen effektiven Protest zu organisieren und die Versuche meist in Picknicks, Promitreffen oder Instagram-Parties ausarten, wird es Zeit an der Basis zu arbeiten.

Ein Volk, das Veränderungen will, muss auch den gewollten Wandel repräsentieren und vorleben. Wenn wir das werden, was die Regierung nicht ist, dann wird die Regierung das werden, was wir sind. Das wird aber nicht passieren, wenn wir weiterhin zulassen, dass wir von oben mit Schmutz beworfen werden.

Vor diesem Hintergrund kann meine Stimme also gut und gerne verfallen. Wenn ich mir die Kandidaten ansehe, dann sind es nicht Hoffnungen oder Visionen von einer glorreichen Zukunft Nigerias, die mich erfüllen. Stattdessen sorge ich mich um mein Land, dessen Volk - wie Herr Kuti (Anm. d. Red.: Fela Anikulapo Kuti, nigerianischer Saxophonist und Begründer des Afrobeat) schon richtig gesagt hat - gleichzeitig leiden und lächeln kann.

Mein Beitrag für Nigeria ist nicht meine Stimme, sondern meine Arbeit an der Basis, wo die Bildung schlecht ist, die Einstellungen und Werte dem Fortschritt im Wege stehen und das Leiden weit verbreitet ist.

Meinen Beitrag leiste ich, indem ich an die Menschen denke, die von der Regierung vergessen wurden.

Erstveröffentlichung: Why I Refuse to Vote