02.04.2015
Übersetzt von Martha Fromme

In einer Sendung eines senegalesischen Privatsenders interviewt eine Italienerin eine ihrer Mitbürgerinnen. Diese macht ihrer Verbitterung über ihren "Märchenprinzen" aus  Senegal Luft. Die Fotografin erklärt, ihr senegalesischer Ehemann habe sich einige Zeit nach seiner Ankunft im "Paradies" Italien aus dem Staub gemacht. „Betrug der Gefühle“ – so heißt das Video, in dem diese Geschichte erzählt wird. Allein der Titel zeugt von der Haltung der italienischen Soziologin, die das Video produziert hat. Wenn man von Betrug redet, so gibt man schon ein Werturteil über eine Geschichte ab, deren genaue Umstände man eigentlich überhaupt nicht kennt – und das angesichts der vielen Schwierigkeiten, die es in einer Beziehung generell geben kann.

Wieviele Garantien braucht wahre Liebe?

Das Problem ist die Einseitigkeit der Beiträge, die oft nur das Negative an afrikanisch-westlichen Partnerschaften hervorheben. In den meisten der Reportagen zu diesem Thema reden Weiße Frauen oder Männer, die sich über die Trennung von ihren afrikanischen Geliebten beschweren. Sehr oft erwähnen sie auch, dass die Beziehungen gezeichnet wären von einem Interesse an Papieren oder Visa, um das „Märchenland“ Europa betreten zu können. Sei dieses Bedürfnis einmal gestillt, so verschwinde der Partner.

Es liegt mir fern, die herrschende Meinung vieler Afrikanerinnen und Afrikaner zu Europa zu widerlegen. Europa ist ein Kontinent, der in der kollektiven Wahrnehmung als ein Tor zum Erfolg und zum Aufstieg gilt. Dennoch macht man es sich viel zu einfach, wenn man die Probleme afrikanisch-westlicher Paare nur auf die Interessen des afrikanischen Partners zurückführt. Folglich wäre der afrikanische Partner oder die Partnerin unbewusst dazu angehalten, eine bestimmte Zahl von Garantien zu erbringen, um ihre wahre Liebe zu beweisen. Welche Sicherheit muss also eine Afrikanerin erbringen, um die Aufrichtigkeit ihrer Liebe für den westlichen Partner zu zeigen? Oder mit anderen Worten: Welchen Beweis erwartet man von einem Menschen aus Afrika dafür, dass er keine Beziehung nach Europa eingegangen ist, um ein Visum oder einen anderen Vorteil zu erlangen?

Diese negativen Stereotype über Afrikanerinnen und Afrikaner führen zu einer Art psychologischer Erpressung, die zerstörend wirkt. Wenn man einen Beweis für seine Liebe und sein Desinteresse an einem vermeintlichen Privileg erbringen möchte, wird dieses Gefühl in seinem tieferen Wert herabgesetzt. Verliert Liebe nicht all ihr Wesentliches, wenn sie rationalisiert wird?

Bloße Gefühle oder gewisse Interessen auf beiden Seiten?

Um die Einseitigkeit des vorherrschenden Diskurses zu vermeiden, kann man versuchen, diese Frage aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Einige Weiße Frauen träumen von sexuellen Beziehungen mit Afrikanern, weil diese, so glauben sie, männlicher seien als Weiße Männer. Ich habe bisher noch keine wissenschaftliche Arbeit gelesen, die diesen Mythos belegt oder widerlegt. Was ich allerdings sehr wohl weiß, ist, dass Klischees und andere Stereotype im Allgemeinen selten auf Vernunft basieren. Wenn man aber Afrikanern eine größere Potenz zuschreibt, welchen Beweis müsste dann eine westliche Frau erbringen, um zu zeigen, dass sie die Beziehung aus Liebe und nicht wegen der angeblichen Fähigkeiten ihres Partners im Bett eingegangen ist? Dies ist eine Frage, die sich die einseitigen Kritiker der afrikanisch-westlichen Partnerschaften niemals stellen. Man kann dem entgegenhalten, dass die Manneskraft der Afrikaner nicht bewiesen ist. Welchen Beweis gibt es denn dafür, dass Menschen aus Afrika andere Interessen hegen als die bloßen Gefühle für ihre westlichen Partner?

In beiden Fällen sehen wir, dass wir es mit Stereotypen zu tun haben, die emotionalen Beziehungen schaden. Denn der Vermutung, dass ein Afrikaner in der Beziehung zu einer Weißen auf Papiere aus ist, kann entgegengesetzt werden, dass die Weiße auf der Suche nach der angeblichen Männlichkeit ist. In diesem Fall würden beide Seiten gewisse Interessen füreinander hegen. Auf der Suche nach Motiven und Trennungsgründen von afrikanisch-westlichen Paaren ist es vielleicht an der Zeit, unsere Sichtweise zu verändern, um nicht das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren.

Schauen wir in die westlichen Länder: In Frankreich beispielsweise endeten im Jahr 2011 fast die Hälfte aller Ehen mit einer Scheidung. Auch die USA sind unter den Ländern mit einer sehr hohen Scheidungsrate: Etwa 55 % der Ehen werden durch eine Scheidung beendet. Kann man daraus ableiten, dass die Ehepartner sich von Anfang an nicht geliebt haben? Warum also sollte man die Gründe für Trennungen bei afrikanisch-westlichen Paaren allein darin suchen, dass einer der beiden Partner andere Interessen verfolgt habe? Es gibt keinen Grund dafür. Schließlich sind die Trennungen bei anderen Paaren genauso häufig oder sogar häufiger, wie es die Zahlen oben zeigen.

Die Leichtfertigkeit und Respektlosigkeit, mit der grenzüberschreitende Paare beurteilt werden, sind der Anfang fieser Verallgemeinerungen. Wenn jeder Mensch einzigartig ist, gibt es dann nicht in jeder Beziehung einen Clash der Kulturen?

Anmerkung der Redaktion: Die Begriffe „Schwarz“ und „Weiß“ werden in diesem Kontext groß geschrieben, da davon ausgegangen wird, dass es sich hierbei nicht um die tatsächliche Beschreibung von Hautfarben handelt, sondern um politische Kategorien.

Erstveröffentlichung: Couples afro-occidentaux: L’impossible amour ?