28.07.2016
Übersetzt von Karla Kutzner

Über Yewande Omotoso

Yewande Omotoso wurde 1980 auf Barbados als Kind eines nigerianischen Vaters und einer karibischen Mutter geboren. Sie wuchs in Nigeria auf, zog jedoch gemeinsam mit ihrer Familie 1992 nach Südafrika. Heute ist die ausgebildete Architektin in Kapstadt zuhause und arbeitet neben ihrem ursprünglichen Beruf unter anderem als Designerin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Debütroman Bom Boy (Modjaji Books) wurde 2011 veröffentlicht, das zweite Buch The Woman Next Door (Chatto & Windus) folgte vor wenigen Wochen. Yewande ist auch auf Twitter ist aktiv.

Frau Omotoso, wir befinden uns beim Africa Writes Festival in London. Sind Ihrer Meinung nach Veranstaltungen wie diese eine gute Plattform für junge AutorInnen, sich und ihre Arbeit zu präsentieren?

Yewande Omotoso: Ich bin dieses Jahr erstmals dabei, obwohl ich das Festival schon lange kenne. Meiner Ansicht nach ist es ein wirklich spezieller Ort, da hier nicht nur AutorInnen allen Alters eine Bühne geboten wird, sondern auch die Möglichkeit besteht, neue Stimmen zu entdecken. Es gleicht einem warmherzigen Treffpunkt von Schreibenden und Fans afrikanischer Literatur – von solchen Orten kann es nie genug geben.

Sind Festivals wie Africa Writes oder der britische Caine Prize for African Writing hilfreich, afrikanische Literatur weltweit bekannt zu machen? Speziell der Caine Prize geriet ja bereits in die Kritik, da die Auszeichnung von weißen Europäern vergeben wird und stattdessen vielleicht AfrikanerInnen beurteilen sollten, was gute afrikanische Literatur ist.

Grundsätzlich hilft jeder internationale Buchpreis, das Werk und den Autoren bekannt zu machen. Auszeichnungen sind jedoch nicht per se unpolitisch, sondern sehr komplex. Ich würde mich der Kritik am Caine Prize nicht anschließen. Er wurde von irgendjemandem irgendwann ins Leben gerufen und erfüllt seine Funktion.

Preise sind meiner Ansicht nach keine altruistischen Gebilde. Die Jury entscheidet jedes Jahr über die beste Story und ich kann damit einverstanden sein oder nicht. Binyawanga Wainaina (kenianischer Journalist und Schriftsteller, von dem die ursprüngliche Kritik kam, Anm. d. Red.) hat womöglich recht, wenn er sagt, der Preis würde von manchen über alles gestellt. Und natürlich ist es verführerisch, wenn die Auszeichnung mit einer gewissen Historie, großen Namen, viel Aufmerksamkeit, Prestige und Geld daherkommt. Ob ich der Meinung bin wir sollten hier widerstehen? Ja. Habe ich eine Idee, wie wir widerstehen könnten? Nein.

Im Vergleich sind lokal begrenzte Auszeichnungen, wie zum Beispiel der Nigerianische Literaturpreis, trotz eines fast zehnfach so hohen Preisgelds von 100.000 Euro in Sachen Popularität und Aufmerksamkeit noch immer weit entfernt. Warum?

Der Vergleich dieser beiden Auszeichnungen bedeutet für mich eher die Frage, warum wir manche Dinge wertschätzen und manche nicht. Generell bin ich jeder Auszeichnung gegenüber skeptisch. Dennoch brauchen wir brauchen wir mehr Preise für Literatur. Und wenn der Caine Prize seinen gottesähnlichen Status irgendwann verlöre, wäre das begrüßenswert. Das hat weniger mit dem Preis an sich zu tun, als eben mit der Frage, wie wir Literatur konsumieren, wie wir Informationen gewinnen. Es ist keineswegs problematisch, dass sich der Nigerianische Literaturpreis nicht googeln lässt, schließlich gibt es viele Dinge, die weder Google noch die sozialen Netzwerke wissen.

Natürlich wäre eine breitere, objektivere Berichterstattung großartig. Auch um die Bücher zu vermarkten. Aber letztendlich sind es zunächst die AutorInnen und die VerlegerInnen, die über den Preis Bescheid wissen müssen. Und das tun sie. Ebenso wie NigerianerInnen in ihrem Heimatland und in der Diaspora.

Yewande Omotoso, Schriftstellerin, Nigeria
Die nigerianische Schriftstellerin Yewande Omotoso lebt derzeit in Südafrika.

Kommen wir zu Ihren Arbeiten. In Ihrem preisgekrönten Debütroman Bom Boy kämpft die Hauptfigur Leke mit Entfremdung und Vereinsamung. Was hat Sie dazu inspiriert, diese traurigen Themen aufzugreifen?

Es begann mit der Idee, über jemanden zu schreiben, der sich am Rande der Gesellschaft bewegt. Als ich das Buch schrieb, war ich selbst in meinen Mittzwanzigern und wohnte bereits seit etwa 15 Jahren in Südafrika. Ich wusste damals aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, nicht unbedingt dazu zu gehören, sodass mich Themen wie Entfremdung und Zugehörigkeit besonders anzogen und faszinierten. Diese Verbindung zu meiner eigenen Geschichte fiel mir aber erst im Nachhinein auf; anfangs interessierte mich nur das Thema des Außenseiters.

Warum ich mich für eine männliche Figur entschieden habe? Ehrlich gesagt, tauchte Leke einfach so auf. Als ich begann, die Geschichte in meinem Kopf zu denken, stellte ich mir die Hauptfigur immer als einen Jugendlichen vor, der langsam zu einem jungen Mann heranwächst.

The Woman Next Door ist im Gegensatz zu Bom Boy eher ein humorvoller Roman. Wollten Sie nach der tragischen Geschichte um Leke bewusst einen Kontrapunkt setzen?

Nein. Leke ist nicht gerade eine wortreiche Person und ich entschied mich in meinem Folgeroman für zwei gesprächige ältere Damen. Es schien mir eine gute Abwechslung, diese unterschiedlichen Charaktere zu zeichnen.

Eines haben Ihre beiden Bücher jedoch gemein: Beide Geschichten spielen in der gleichen Großstadt. Was macht Kapstadt zu einem interessanten Ort für Romane?

Zunächst einmal kenne ich Kapstadt am besten. Natürlich hätte eine Geschichte trotzdem beispielsweise in Berlin spielen können. Aber dies würde eine viel größere Recherche bedeuten und es dauert, ehe mir unbekannte Orte authentisch erscheinen. Daher war Kapstadt für mich bisher immer die erste Wahl. Außerdem ist die Stadt ein fruchtbarer Grund und Boden für die Art von Geschichten, die ich mag. Dinge existieren hier einfach nebeneinander, miteinander.

Kapstadts Historie, die niemals wirklich aufgearbeitet wurde und von der niemand spricht, fasziniert mich ebenso wie die komplexe demographische Ordnung der Stadt. Im Grunde hat sich Kapstadt seit 20 Jahren Demokratie nicht verändert, es hat die Rassentrennung mit all ihren Mustern und Regeln irgendwie bewahrt. Obwohl das Apartheidsystem vorüber ist, existieren diese Mauern und Grenzen weiter.

Viele glauben dem Mythos, die jüngere Generation würde etwas ändern, aber ich frage mich dann immer: Wer erzieht denn die nächste Generation? Wo und wer sind die LehrerInnen? Ich persönlich habe große Hoffnungen in die Jugend, glaube aber denjenigen nicht, die behaupten, ihre Kinder seinen gänzlich vor Rassismus gefeit. Viele Schwarze verlassen Kapstadt, denn die Dynamiken des Fremdseins, die auch ich kenne, sind allgegenwärtig. Das sehe ich, wenn ich beispielsweise mal wieder die einzige Schwarze bei einem Abendessen bin.

Sprechen wir über Architektur. Sie sind studierte Architektin. Wie schaffen Sie es, diesen Beruf mit dem Schreiben zu kombinieren? Brauchen Sie ein kreatives Gleichgewicht oder arbeiten Sie aus finanzieller Notwendigkeit?

Nach meinem ersten Abschluss arbeitete ich zunächst knapp sechs Jahre als Architektin. Ich liebe diesen Beruf und in unserem Büro gab es von Beginn an eine Vereinbarung, die es uns ermöglicht, nebenbei an eigenen Projekten zu arbeiten.

Bom Boy schrieb ich im Rahmen meiner Masterarbeit. Ich arbeitete halbtags als Architektin und die andere Hälfte des Tages schrieb ich. Für The Woman Next Door nahm ich mir dann aber eine Auszeit. Den Großteil schrieb ich in 18 Monaten. Zwischendurch war ich nur hin und wieder als Architektin tätig. Doch das ist eher unüblich und auch mit Risiken verbunden. Glücklicherweise hatte ich bisher nie eine Deadline. Niemand – außer der Leserschaft – hat auf meine Bücher gewartet, sodass ich mein Geld, meine Energie und Lust auf das Schreiben fokussieren konnte. Das verschafft mir große Freiheit.

Werden Sie als Nigerianerin von den SüdafrikanerInnen akzeptiert?

Leider gibt es noch immer Vorurteile. Noch problematischer jedoch sind die Leute, die sie denken und aussprechen. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich mich in Südafrika nicht gern als Nigerianerin vorstellte, weil es Stereotype und Witze über uns gab. Diese existieren natürlich noch immer, doch ich schenke ihnen einfach keine Beachtung mehr. Mein Akzent und meine Lebensweise mag manchen Südafrikanern fremd erscheinen, aber ich liebe dieses Land, in dem viele warmherzige Menschen leben und das für mich und meine Familie ein Zuhause geworden ist.

Verraten Sie uns, wovon Ihr nächster Roman handeln wird?

Es ist eine Geschichte über eine zerbrochene Familie: Ein geschiedenes Elternpaar begibt sich auf die gemeinsame Suche nach ihrer verschwundenen erwachsenen Tochter, die beiden eine Unbekannte ist. Es wird ein Buch über Muttersein, Liebe und Kunst werden und die Protoganistin ist eine Künstlerin.

Fünf Fragen zum Schluss… Erstens: Afrika im Jahr 2050. Ihre Zukunftsvision?

Keine Grenzen, eine starke Afrikanische Union mit einer eigenen Währung in Verhandlung. Führungskräfte, die für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden. Milliarden gestohlener Dollar wurden an absolut zuverlässige Verwaltungsorgane in den Ländern zurückgeführt. Aktive Bücher- und Kunstzentren, die den Gemeinden als Hubs zur Verfügung stehen. Genügend Bibliotheken, sodass wirklich jedes Kind Zugang zu Büchern hat. Vollkommene Alphabetisierung. Alle Kinder im schulfähigen Alter besuchen eine Schule. Die Hälfte des Kontinents wird von Feministinnen regiert, die dem Patriarchat den Kampf ansagen. Kinder- und Müttersterblichkeit ist fast ausgemerzt.

Zweitens: Welches Buch lesen Sie gerade?

Woman At Point Zero von Nawal El Sadaawi.

Drittens: Was nervt Sie? Wann flippen Sie aus?

Rücksichtslosigkeit, Unfreundlichkeit und Überheblichkeit. Außerdem flippe ich aus, wenn ich nicht fähig bin zu schreiben oder zu lesen, aber auch getrennt bin von den Menschen, die mir nahe sind.

Viertens: Ihr schönster Platz auf Erden?

Meine Couch und den halben Quadratmeter meines Balkons.

Fünftens: Ihr(e) persönliche Held(in)?

Den gibt es nicht, dafür aber zig Menschen – einige davon kenne ich, einige werde ich niemals treffen – berühmte und unbekannte, die mich inspiriert haben und von denen ich laufend Energie und Weisheit ziehe.

 

Das Interview wurde JournAfrica! mit freundlicher Unterstützung von der Deutschen Afrikastiftung zur Verfügung gestellt.