Ausstellung in Leipzig: Der Kuchen ist Afrika

In welcher Beziehung stehen China und Afrika? Der Künstler Ayo Akwinwande sucht mit dem Kunstprojekt ‚Chinafrika‘ nach Antworten. Für ihn haben China und Europa eines gemein: Ihnen geht es nicht um eine nachhaltige Entwicklung für Afrika.

Von Jana Lapper

 

Vor einigen Tagen ist der nigerianische Künstler Ayo Akinwande von Lagos in Nigeria nach Addis Abeba in Äthiopien geflogen. “Ich bin von einem chinesischen Land in ein anderes chinesisches Land gereist”, sagt er. Denn in beiden Hauptstädten haben chinesische Firmen die Flughäfen gebaut.

China hat in vielen afrikanischen Ländern längst Wurzeln geschlagen. Während der Entwicklungsminister Gerd Müller in Deutschland noch vom “Marshallplan mit Afrika” spricht -ein Projekt, das mehr europäische Investitionen und damit einen Wirtschaftsaufschwung nach Afrika bringen soll -ist China auf dem Kontinent seit Jahren wirtschaftlich aktiv. Ein erheblicher Teil der Infrastruktur dort stammt von chinesischen Baufirmen. Klar, dass sich die Verbindungen in der Wirtschaft auch auf andere Lebensbereiche ausweiten. Bis zu zwei Millionen Chines*innen leben heute in Afrika. Aber auch 100.000 bis 500.000 Menschen aus Ländern wie Sambia oder Algerien sollen sich in der Volksrepublik aufhalten.

Das Kunstprojekt “Chinafrika. Under construction” wirft einen Blick auf diese Allianz. Auch Akinwande, Architekt und Fotograf aus Lagos in Nigeria, hat daran mitgearbeitet. Dieser Tage zeigt eine Ausstellung in der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst die Ergebnisse.

Im offenen, provisorisch wirkenden Raum steht ein Fernseher auf einem nackten Betonklotz. Es erscheinen Bilder von Männern und Kindern im Kongo, die auf einem Schrottplatz an Elektroschrott schrauben. Ihre zerschlissenen Klamotten sind verschmutzt, ihre Blicke in die Kamera ernst und voller Skepsis. Im Hintergrund spricht eine euphorische Stimme, die von den neuesten Innovationen des Apple-Konzerns berichtet: “Die Cloud!” Dann erscheinen Bilder von Goldbarren -eine Verbindung zur Kolonialzeit, als das Land und seine Bewohner*innen schon damals ausgebeutet wurden.

In einem anderen Raum werden auf einen glitzernden Paillettenvorhang Szenen aus chinesischen Filmen projiziert -ein Spiel mit dem Kitsch, den viele Europäer*innen mit China verbinden.

Akinwandes Installation steht in einem anderen Raum. Mit leeren Zementsäcken hat er die traditionelle Kleidung der Yoruba-Volksgruppe nachgebildet. Nigerianische Händler, die Akinwande zu ihren chinesischen Handelspartnern interviewt hat, haben mit Markern ihre Gedanken zu den Chinesen darauf geschrieben. Und die sind durchaus unterschiedlich. Die einen fürchten, chinesische Händler würden ihnen die Kunden wegnehmen; andere sehen eine Chance in den billigen Produkten aus Fernost. Denn die füllen eine enorme Bedarfslücke. “Egal, was du tun willst -in Nigeria gibt es immer eine günstigere, chinesische Option”, sagt Akinwande. Für ihn ist das keine nachhaltige Denkweise. “Aber wie willst du den Leuten hier erklären, dass sie mehr Geld für bessere Qualität ausgeben sollen, wenn die Mehrheit unter der Armutsgrenze lebt?”

Akinwande sieht den chinesischen Einfluss skeptisch. “Ist das wirklich eine Win-Win-Situation für alle oder macht nicht doch China den besseren Deal?” Schließlich würden sie keinen nachhaltigen Wandel ins Land bringen und die afrikanischen Arbeiter*innen nicht gut ausbilden. Die erledigen noch immer die einfachen Arbeiten, sagt er. “Ich weiß nicht, wo das alles hinführt, aber zumindest verhalten sich die Chinesen zur Zeit noch besser als die Europäer”, sagt Akinwande mit einem Verweis auf die Kolonialherrschaft. Nicht umsonst würden viele Afrikaner*innen bei ‚Moderne‘ heute an China denken. Europa hingegen erinnert sie an die koloniale Vergangenheit.

Diese Aspekte spielen auch bei der Ausstellung in Leipzig eine Rolle. Hier geht es nicht um einen netten Tag im Museum. Künstlerischer Ausdruck tritt in den Hintergrund -vielmehr geht es um den Inhalt. Schließlich ist die Ausstellung Teil eines umfassenden Rechercheprojekts mit Arbeitsgruppen in mehreren afrikanischen Ländern und in China. Künstler*innen, Journalist*innen und Theoretiker*innen haben eng zusammengearbeitet.

Doch auch der Inhalt verschließt sich den westlichen Galeriebesucher*innen immer wieder. Man wird nicht an der Hand genommen, ein inhaltlicher Faden fehlt. Wie groß das Unwissen über die großen beiden Unbekannten Afrika und China doch ist, wird einem spätestens dann klar, wenn man die Galerie mit einem nachhaltig mulmigen Gefühl verlässt.

China und Afrika betreiben Kapitalismus in großem Ausmaß -und das völlig am Westen vorbei. Europa gefällt das natürlich nicht. Kritiker*innen werten deshalb den ‚Marshallplan mit Afrika‘ als verzweifelten Versuch, in Afrika doch noch den Fuß in die Tür zu bekommen. Akinwande denkt ähnlich darüber: “Am Ende will Deutschland damit auch nur ein Stück vom Kuchen abhaben. Und der Kuchen, von dem sie sich bedienen wollen, das war schon immer Afrika.”

 

Dieser Artikel wurde im Zuge des Seminars „Internationaler Journalismus“ im Masterstudiengang Journalistik (Universität Leipzig) erstellt.