Ein Mannheim-Plan für Afrika

Vor 70 Jahren profitierte Deutschland von den Ideen des amerikanischen Außenministers George C. Marshall. Der Marshallplan markierte einen historischen Wendepunkt im Nachkriegseuropa. Wieso den Mythos also nicht einfach weiterverkaufen – zum Beispiel nach Afrika? Eine Sprachkritik.

Von Florian Franze und Bastian Schröder

 

Eineinhalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt sich die wirtschaftliche Not in Deutschland in vollem Ausmaß. Nach zwölf Jahren NS-Regime liegt das Land in Trümmern. Energieversorgung und Verkehr sind zusammengebrochen, seit Monaten herrscht eine Lebensmittelkrise. Die eisigen Temperaturen im ‚Hungerwinter‘ 1946/47 lassen die Lebensmittelversorgung schon bald vollständig zusammenbrechen. Hunderttausende Menschen verlieren ihr Leben.

Wie sollte es weitergehen in Deutschland? Die Fotos dieses Winters, etwa von hungernden Kindern, die sich auf verdorbenes Obst und Gemüse stürzen, rütteln insbesondere an den Amerikanern. Sie beginnen, sich Deutschland verstärkt zuzuwenden. Den Beginn der bisher wohl erfolgreichsten Wirtschaftshilfe der Geschichte markierte eine Rede. Am 5. Juni 1947 präsentierte der amerikanische Außenminister George Marshall in einer trockenen Ansprache seine Ideen für den Wiederaufbau der Länder Europas. Und Deutschland, der einstige Feind, sollte teilhaben dürfen.

Das Ergebnis ist bekannt. Der Marshallplan wurde zum Demokratisierungsmotor und legte den Grundstein für das folgende Wirtschaftswunder der jungen Republik. Der Mythos Marshallplan war geboren. „Der Marshallplan wird immer ein Ruhmesblatt der Vereinigten Staaten bleiben“, erklärt Konrad Adenauer bereits 1949 in seiner Rede vor der Interparlamentarischen Union in Bern. Und in der Tat: Bis heute hat der Mythos wenig von seiner Strahlkraft verloren.

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs soll diese Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden. Initiator dieses Mal – Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Und als Empfänger darf – oder besser gesagt soll – sich Afrika über die wirtschaftliche Unterstützung freuen.

Wie Die Zeit berichtete, wurde der Plan jedoch nicht nur im Eiltempo verfasst, sondern auch kein afrikanischer Partner bei der Ausgestaltung konsultiert. Um diesen Umstand zu verschleiern, benannte man den Plan kurzerhand in „Marshallplan mit Afrika“ um, nachdem das Projekt zunächst noch als „Marshallplan für Afrika“ anlief. Ein kleiner, wenn auch gar nicht so feiner Unterschied, signalisiert das Unterfangen so doch Kooperation, wo tatsächlich ein Monolog herrscht.

Ohnehin ist das 33-seitige Programm reich an sprachlichen Taschenspielertricks. Marshallplan, das klingt in westlichen Ohren nach Demokratisierung, Wohlstand für alle und Zukunft. Aber auch nach: Verlorenem Krieg und militärischer Besatzung. Von welchem Afrika Müller genau spricht, einem Kontinent fast 84-mal so groß wie Deutschland, bleibt seltsam schwammig. Es entsteht der Eindruck, Afrika sei ein Land, und, in dem failed state Somalia und G20-Mitglied Südafrika irgendwie dasselbe sind, und kein Kontinent.

„Afrika ist die Wiege der Menschheit – wir alle sind ein Stück Afrika“, weiß das Thesenpapier zu Beginn die wirtschaftliche Hilfe zu begründen. Dies mag evolutionsbiologisch zwar korrekt sein, besitzt aber den Mehrwert eines 90er-Werbespots: Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? So wird aus dem Vorhaben ein humanistischer Anstrich verliehen. Später lässt sich das Papier gar zu der Feststellung hinreißen, dass Menschenrechte – unter Verweis auf Artikel 1 des Grundgesetzes – auch für Afrika gelten und ihre Bewahrung sich allein schon aus der christlichen Wertetradition ergebe. Eine, wenn auch wohl unbeabsichtigte, Erinnerung an die christlich-europäische Kolonialgeschichte in Afrika.

Zur Erinnerung: Schon der amerikanische Marshallplan war kein reines Projekt der Nächstenliebe. Der Politikwissenschaftler Wichard Woyke benennt in einem Essay die „Schaffung eines Absatzmarktes für die amerikanische Überproduktion“ als integralen Bestandteil des Plans. Nicht zuletzt seit Donald Trump US-Präsident ist, steht Deutschland verstärkt unter Kritik für seine enormen Exportüberschüsse. In Zeiten von „America first“ ist also auf den bisher wichtigsten Handelspartner Deutschlands nicht mehr unbedingt Verlass. Neue Absatzmärkte in einem flächendeckend wirtschaftlich soliden Afrika zu erschließen, läge auch im deutschen Interesse.

Dieses Ziel kann Deutschland wohl kaum allein erreichen, denn ohne Kooperation, das wusste George C. Marshall schon, geht es nicht: „Das Programm sollte ein gemeinschaftliches sein, vereinbart durch einige, wenn nicht alle europäischen Nationen.“ Davon jedoch ist der deutsche Plan noch weit entfernt. Bislang ist die europäische Dimension des Konzepts vor allem sprachlicher Natur: „Afrika und Europa – Neue Partnerschaft für Entwicklung, Frieden und Zukunft“, so der Titel des Konzepts. Dabei ist dieses ein weitestgehend deutsches Projekt. Selbst beim G20-Gipfel in Hamburg schaffte es die Bundesregierung nicht, prominente Unterstützer für den Plan zu finden.

Das liegt auch daran, dass andere politische Akteure eigene Ziele verfolgen. Ob Frankreich, EU oder G20 – alle sind aktuell dabei, ihre Afrika-Politik strategisch neu auszurichten. Dem vermeintlichen „Marshallplan“ will sich jedoch niemand so recht anschließen. Dabei kann kaum eine der angedachten Maßnahmen greifen, solange Deutschland aus einer nationalstaatlichen Perspektive agiert. Ob eine stärkere Integration der Märkte, politische Reformen oder Bekämpfung von Steuerflucht – ohne die Unterstützung der restlichen EU-Staaten dürften hier wohl kaum Fortschritte erzielt werden.

Im Vergleich zum historischen Vorbild fehlt es dem deutschen Plan zudem an einem ganz besonders – Geld. Carlos Lopes, bis Ende 2016 Sekretär des UN-Wirtschaftskommission für Afrika, verglich das aktuelle Budget des Vorhabens scherzhaft mit dem „Haushalt einer mittelgroßen Stadt in Europa.“ Vielleicht ist es also an der Zeit, den Titel der Realität anzupassen. Wie wäre es zum Beispiel mit „Mannheim-Plan für Afrika“?

 

Dieser Artikel wurde im Zuge des Seminars „Internationaler Journalismus“ im Masterstudiengang Journalistik (Universität Leipzig) erstellt.