Ghanas strahlende Zukunft

Afrika soll zum Selbstversorger werden. Das ist die Vision des „Marshallplan mit Afrika“. Es geht um stabile Verhältnisse, um funktionierende Staaten. Die Grundbedingung dafür ist eine Wirtschaft, die den Menschen in den afrikanischen Ländern eine Grundlage bietet, auf der sie gut leben können. Dafür ist die Wirtschaft vor allem von einem abhängig: einem verlässlichen Zugang zu Energie. Der Marshallplan sieht vor, Anreize für private Investitionen aus Deutschland im Energiesektor zu schaffen. Dabei geht es um erneuerbare Energien, vor allem aus der Kraft der Sonne. Einige afrikanische Staaten schielen aber bereits auf andere Energiequellen wie Atomkraft. Dazu gehört Ghana. Zwei Staaten stehen bereit, um in Ghana Atomkraftwerke zu bauen: Sowohl China als auch Russland. Eine gute Idee?

 

Contra

von Lennart Banholzer

Dass Staaten wie Ghana Atomkraftwerke wollen, überrascht kaum. Um die Energiemenge eines Atomkraftwerkes zu erzeugen, bräuchte es riesige Mengen an Solarzellen. Ein Reaktor erscheint da als einfache Alternative. Schließlich ist Atomkraft auch die Energiequelle, welche die rasante Entwicklung von Industrienationen wie Frankreich und Deutschland ermöglicht hat. Der dadurch entstandene Wohlstand ist Vorbild für viele Menschen, die in afrikanischen Staaten leben. Atomkraftwerke wirken deshalb für viele wie die Patentlösung für die Energiefrage in Staaten wie Ghana.

Der „Marshallplan mit Afrika“, den die Bundesregierung in diesem Jahr vorgelegt hat, spricht sich nicht explizit gegen Atomkraft, allerdings ganz klar für die Förderung erneuerbarer Energien in den afrikanischen Staaten aus – und das ist gut so. Es gibt zahlreiche Argumente, die allgemein dagegen sprechen, weitere Atomkraftwerke zu bauen. Dass mittlerweile hinlänglich bekannt ist, dass Atommüll nirgendwo sicher gelagert werden kann, ist nur eines davon. Auch, was auf Havarien von Atomkraftwerken folgt, zeigen Tschernobyl und Fukushima.

Es ist eben eine höchst komplexe Angelegenheit, ein Atomkraftwerk zu bauen und zu betreiben. Dafür braucht es immenses Know-How, Erfahrung und eine Garantie für Sicherheit. In instabilen Staaten wie Ghana ist die nicht gewährt. Eine wichtige Säule für Sicherheit ist, dass die Menschen in einem Staat gut leben können. Dafür bedarf es einer funktionierenden Wirtschaft – und die braucht den sicheren Zugang zu ausreichend Energie.

Wer Atomkraftwerke in unsichere Staaten stellt, geht das Problem also von der falschen Seite an. Ein Solarkraftwerk in den falschen Händen gefährdet niemanden. Ein Atomkraftwerk schon.

Mit Hilfe des Marshallplans mit Afrika muss also eines passieren: Erneuerbare Energiequellen müssen für afrikanische Staaten attraktiv gemacht werden. Ob es dabei ausreicht, allein auf private Investitionen zu setzen, ist offen. Um Atomkraftwerke in Afrika generell zu verhindern, sollten die Industrienationen Subventionen nicht ausschließen.

 

Pro

von Yves Bellinghausen

Mein geschätzter Kollege Lennart Banholzer hat in seinem Kommentar den Gipfel des Paternalismus erklommen. In seinem Text schreibt er, Kernkraft sei in Ghanas Händen eine Gefahr. Hätte mein geschätzter Kollege noch Zeit gefunden zu erläutern, welche Gefahr er sieht: Sein Argument würde vielleicht mehr Sinn machen. Meint Banholzer mit einem „unsicheren Staat“ *sic!+ ein korruptes Land? Transparency International listet Ghana auf Rang 70, EU-Mitglied Bulgarien liegt beispielsweise auf Rang 75.

Ich könnte Sie, verehrte Leser, mit noch mehr Indizes und Zahlen langweilen, aber ersparen wir uns doch diese Farce und kommen gleich zur Pointe: Ghana ist eine Demokratie. Und nicht irgendeine, sondern der Streber unter den westafrikanischen Staaten, wie aus Erläuterungen der KfW-Entwicklungsbank hervorgeht.

Die Frauen und Männer Ghanas wissen wohl am besten, welches Problem ihr dringendstes ist – im Übrigen der Grundgedanke der Demokratie. Vielleicht gibt es zu wenig Ökostrom. Vielleicht schmeckt die Teewurst aus Ghana nicht so lecker, wie die ivorische. Vielleicht aber, wollen die Ghanaer ihre Ressourcen in andere Projekte investieren, in Bildung oder in ein leistungsfähiges Gesundheitssystem. Ich weiß es nicht.

Wenn Staatssekretäre in Berlin und Paris nun entscheiden, nur grünen Strom zu fördern, dann schmeichelt mir das. Ich wähle die Grünen, ich wohne in einem hippen Leipziger Scenebezirk und trinke gerne meinen Fairtrade-Cappo. Aber es geht hier nicht um mich und was meine Haltung zu Atomstrom ist. Es geht um Ghanas Haltung zu Atomstrom. Unsere Regierung und viele meiner Kollegen machen noch immer den gleichen dummen Fehler wie in den 60ern, wenn sie die Frauen und Männer in Afrika nicht ernst nehmen.

Europa ist wie der unangenehme Onkel, den man nur an Weihnachten und zu Omas Geburtstag sieht. Da steht er in Omas Vorgarten, und röchelt dir zwischen zwei Zügen zu: „Fang bloß nicht mit dem Rauchen an, Junge, glaub mir, der Scheiß macht dich nicht glücklich.“ Der unangenehme Onkel führt sich die Kippe zum Mund, hält sie mit den Lippen fest, um die Hände frei zu haben. „Hier“, sagt Europa zu Afrika mit der Kippe noch immer im Maul, „20 Euro, kauf dir ein paar Äpfel davon oder so.“

Die Zigarette ist am Filter angelangt, Europa tritt sie aus, steigt in seinen Wagen und drückt aufs Gas. Man sieht sich beim nächsten Familienfest.

 

Dieser Artikel wurde im Zuge des Seminars „Internationaler Journalismus“ im Masterstudiengang Journalistik (Universität Leipzig) erstellt.