„Sie brauchen wieder Träume“

Die Afrikanische Union möchte in ihrer Agenda 2063 die Jugendarbeitslosigkeit beseitigen. Kann der Marshallplan der Bundesregierung dabei helfen?

Von Tobias Kisling

Brendan Mungwena hat es gut getroffen. Der 22-jährige stammt aus Simbabwe, einem Binnenstaat im Süden Afrikas, der im Human Development Index der Vereinten Nationen auf Platz 172 von 187 Ländern gelistet wird und somit zu den 15 ärmsten Länder der Welt zählt. Das Land befindet sich in einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale, im kommenden Jahr finden Präsidentschaftswahlen statt. Dabei entscheidet weniger die Stimme des Einzelnen als vielmehr die Position des Militärs über den Ausgang der Wahl. Wie so viele afrikanische Staaten ist Simbabwe gebeutelt von der Korruption der Eliten, geschwächt durch Importverträge, die ganze Industriezweige wie die Textilindustrie dahinraffen und dezimiert vom Kampf gegen Aids. Für Brendan Mungwena sind diese Probleme weit weg. Gebürtig ist er aus Bulawayo, der zweitgrößten Stadt Simbabwes. Er ist der Sohn einer wohlhabenden Familie, die ihm die Schulbildung und nun das Wirtschaftsstudium in Amerika bezahlt. 3.000 Euro kostet das Studium an der Armstrong State University in Savannah, angelegt für ein Jahr, danach geht es weiter, vielleicht nach Europa. „Von dem Geld, das ich für ein Jahr in Amerika zahle, könnte ich in Simbabwe ein Haus kaufen“, rechnet Brendan Mungwena vor.

Bildung gegen Armut

Junge Menschen wie Brendan Mungwena sind Lichter am Bildungstunnel der Afrikanischen Union. 2015 verabschiedeten die afrikanischen Staaten die Agenda 2063. In 46 Jahren soll die Jugendarbeitslosigkeit beseitigt sein, heißt es darin. In vielen Ländern finden derzeit über die Hälfte der Jugendlichen keine Arbeit. Jährlich wären 20 Millionen neue Jobs nötig, um die Jugendlichen in Lohn zu bringen. Neue Jobs entstehen nicht von alleine. Seit Jahrzehnten bekommen afrikanische Länder Entwicklungsgelder. Erholen konnten sich trotzdem nur wenige Staaten von der Ausbeutung und den Spätwirkungen der Kolonialzeit. Umso größer sind die Hoffnungen in gut ausgebildete Fachkräfte wie Brendan Mungwena. Sie haben Ideen, Tatendrang, können der Wirtschaft zum Aufschwung verhelfen. Bildung gegen Armut lautet der Plan.

Dieses Konzept wird auch von der Bundesregierung unterstützt. Im Januar präsentierte Entwicklungsminister Gerd Müller den Marshallplan mit Afrika. Was vordergründig wie eine großzügige Hilfe Deutschlands aussieht, ist eine Reaktion auf die Flüchtlingskrise: Fluchtursachen bekämpfen, um selbst nicht Ziel der Flüchtenden zu werden. Auf 34 Seiten stellt der Marshallplan des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZE) Konzepte für ein besseres Afrika vor. Bildung ist ein zentrales Thema.

Das Problem: Gut ausgebildete Studierende wie Brendan Mungwena werden mit ihrem Wissen den afrikanischen Staaten nicht unbedingt weiterhelfen. „Wir sind der Korruption im Land überdrüssig. Ein Freund von mir sitzt im Gefängnis, weil er demonstriert hat. Ich würde meinem Land gerne helfen. Aber nicht um jeden Preis. Ich werde der Regierung nicht helfen, Arme immer ärmer und Reiche immer reicher zu machen“, meint Brendan.

Ausschluss durch Hilfe

Definitiv nicht in seine Heimat zurückkehren wird Brendans Kommilitone Daniel Samuel. Als Kind verlor der Äthiopier seine Eltern und lebte wie Millionen Kinder im nordöstlichen afrikanischen Staat in einem Waisenheim. Vor elf Jahren wurde er von einer Familie aus Atlanta adoptiert, vor drei Jahren folgte ihm sein Bruder Wegene in die Staaten. Eine Rückkehr nach Äthiopien schließt Daniel aus, er fühlt sich unerwünscht: „Wer nicht auf Regierungslinie ist, findet keinen Job dort.“ Deutschland greift Äthiopien seit Jahren unter die Arme, fördert das Land, das in den vergangenen Jahren rund 750.000 Flüchtlinge aufgenommen hat – so viele wie kein anderer afrikanischer Staat. Daniel Samuel kann mit der engen Verflechtung Deutschlands und Äthiopiens wenig anfangen. „Die Entwicklungshilfe kommt nur dem Regierungssystem zugute. Andere ethnische, religiöse oder kulturelle Gruppen haben keine Zukunft.“

Gescheiterte Pläne

Korruption und fehlende Chancengleichheit verhindern in vielen Ländern den Aufbau wirtschaftlicher Strukturen, die nötig wären, um jungen Afrikanern eine Perspektive zu ermöglichen. Der Marshallplan bietet einen Lösungsansatz: Anstelle des bisherigen bilateralen Systems soll die Privatwirtschaft gestärkt werden. Was hunderte Hilfsorganisationen bereits im Kleinen probieren, soll nun im Großen umgesetzt werden. An Ideen mangelt es den Afrikanern nicht. „Würde mir die deutsche Regierung Geld zahlen, dann würde ich es in unser Familiengeschäft in der Geflügelindustrie investieren“, meint Louis Nawa aus Sambia. Der 61-jährige ist einer jener Studierenden, die zurück in ihr Land kehrten. 1998 schloss Nawa den Master of Education and Development Studies im schottischen Edinburgh ab. Er arbeitete als Diplomat und Lehrer in Paris, sammelte Ideen, kehrte nach Sambia zurück, machte sich selbstständig und handelte mit Baumaterialien. Der Plan ging schief. Rohstoffe wie Holz oder Aluminium mussten teuer aus Skandinavien und China importiert werden, bei vielen Aufträgen blieben die Zahlungen aus. Die Kosten überstiegen die Einnahmen, Louis Nawa gab sein Geschäft auf. Nun arbeitet er als Lehrer und unterstützt die Geflügelfarm seiner Familie. „Mit Entwicklungshilfe könnte ich Schlachtmaschinen finanzieren und das Fleisch in unser Nachbarland, den Kongo exportieren. Wir würden lokale Ressourcen nutzen, lokale Arbeiter einstellen und helfen, Armut und Hunger zu reduzieren“, malt sich Louis Nawa seine Zukunft aus.

Es wird eine Wunschvorstellung bleiben. Förderung der Privatwirtschaft kann nach dem Marshallplan nur funktionieren, wenn Kooperationen deutscher Unternehmen mit afrikanischen Unternehmern geschlossen werden. Und wer will schon mit einem kleinen afrikanischen Geflügelbauer kooperieren? Außerdem gibt es einen zweiten Grund: „Aus Sambia gibt es keinen großen Flüchtlingsstrom. In der Verteilung möglicher Gelder durch einen Marshallplan würde Sambia daher wohl eher leer ausgehen“, vermutet Peter Röhrig, langjähriger Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes für Sambia. Dennoch haben viele Menschen in Sambia etwas zu bieten, was man nicht überall findet: Sie haben Inspirationen, Ziele, Zukunftswünsche. Das Land ist reich an Bodenschätzen, hat fruchtbaren Boden und bietet touristisches Potential. Würden sie Geld bekommen, dann wüssten sie, wie es einzusetzen wäre. In Äthiopien sei das anders, erzählt Daniel Samuel. Seine Generation, die auf den Arbeitsmarkt strömt und keinen Berufseinstieg finde, sei desillusioniert. Den deutschen Marshallplan findet er unkonkret, zu schwammig. Und doch bietet er vielleicht auch eine Quelle der Inspiration, meint Daniel Samuel: „Ich wünsche mir, dass in der Zukunft die junge Generation faire Chancen erhält. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, alles erreichen zu können. Sie brauchen wieder Träume. Das würde dem Land helfen.“

 

Dieser Artikel wurde im Zuge des Seminars „Internationaler Journalismus“ im Masterstudiengang Journalistik (Universität Leipzig) erstellt.