„Wir sind auf dem richtigen Weg zu etwas Großem“

Das Web-Portal NjangiList hilft afrikanischen Start-Ups bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee und will so seinen Teil dazu beitragen, Fluchtursachen von jungen Afrikanern zu bekämpfen. Das scheint ganz im Sinne des sogenannten Marshallplan mit Afrika, den Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Januar im Vorfeld der G20-Verhandlungen vorgelegt hat.

Von Marike Deitschun und Lisa Neugebauer

 

2015 sah Derrick Tawah Tag für Tag die Bilder im Fernsehen oder in den Zeitungen. Bilder von jungen Afrikanern, die auf dem Meer starben, um ein besseres Leben für sich und ihre Familien zu ermöglichen. Er stammt aus Kamerun und lebt seit 2001 in Deutschland. Tawah hatte in Nigeria und Berlin Ökonomie studiert und arbeitete an verschiedenen Projekten mit. „Als ich die Bilder im Fernsehen sah, dachte ich: Wir, als Afrikaner, müssen jetzt etwas tun und nicht später“, sagt Tawah. Die Idee etwas an seinen Heimatkontinent zurückzugeben hatte der heute 44-Jährige schon seit vielen Jahren. „Ich suchte etwas bei dem ich anderen durch Investitionen helfen konnte und gleichzeitig selbst über die Runden kam.“ 2015 zögerte Tawah angesichts der Fernsehbilder nicht länger und setzte seine beste Idee in die Tat um: Er gründete das Web-Portal NjangiList, im Januar 2016 ging es online.

Im Kern ist NjangiList ein Netzwerk, das vor allem afrikanische Start-Ups und Unternehmen unterstützt. Firmengründer können sich auf der Plattform das nötige ökonomische Wissen verschaffen, wie sie ihre Idee in die Praxis umsetzen können. Dazu verbindet NjangiList die Gründer unter anderem mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen wie Steuerrecht, Existenzgründung oder Design. Durch eine professionelle Präsentation der Unternehmensidee hilft NjangiList dabei, Investoren zu finden, die das benötigte Startkapital bereitstellen. Derrick Tawah erklärt das Prinzip seiner Plattform gern an einem Beispiel: „Lass uns John K. nehmen. In seiner Gemeinde in Kamerun gibt es ein großes Problem: den schlechten Zugang zu medizinischem Fachpersonal. Er hat eine Idee, wie er das Problem lösen kann, doch er hat weder Businesserfahrung noch Startkapital. Bei der Suche nach Lösungen entdeckt er NjangiList. John kann einfach unsere Online-Tools nutzen, um sein Geschäftskonzept zu formulieren und erhält Feedback von der NjangiList-Community. Es entsteht ein Geschäftsprofil. Fachleute können ihn nun beraten und mit ihm die Idee weiterentwickeln. Gemeinsam mit unserer Community helfen wir ihm, eine Finanzierungsstrategie zu entwerfen. John bekommt also Kapital und Unterstützung. Und Investoren bekommen die Chance auf Renditen sobald die Firma voll funktionsfähig ist und Gewinne macht.“

Mehrere Start-Ups konnten mit Hilfe von NjangiList realisiert werden. Unter anderem das Medizin-Projekt CardioPad, dessen Erfinder ein spezielles Tablet entwickelt haben, mit dem man Herzuntersuchungen durchführen und die Ergebnisse später drahtlos an Herzspezialisten und Kliniken übermitteln kann. Einsatzorte sind vor allem abgelegene, ländliche Gegenden. Auch das Start-Up GiftedMom will Frauen in Gegenden mit schlechter Infrastruktur helfen: Schwangere und Mütter erhalten wichtige medizinische Beratung per SMS. Oder auch Remit, ein Finanzdienstleister, der es im Ausland lebenden Ugandern ermöglicht, schnell und günstig Geld in die Heimat zu schicken.

„Wir wollen vor allem jungen Leuten helfen, Firmen zu gründen, denn neue Unternehmen schaffen auch die Nachfrage an qualifizierten Arbeitskräften“, meint Tawah. „Afrika ist jung und es wird in den kommenden Jahrzehnten keinen Arbeitskräftemangel geben. Aber nur wenn neue Firmen anfangen können, kann es Arbeitsplätze geben, um die Nachfrage zu decken.“ Neue Firmen machen es auch möglich, eigene Güter zu produzieren und sie schaffen die Nachfrage nach Dienstleistungen. Das steigert das Bruttoinlandsprodukt der Länder und die Wettbewerbsfähigkeit.

Afrikanische Länder stärken, um den Menschen eine Perspektive in ihrer Heimat zu bieten und nicht allein in Europa aufzuzeigen, das ist auch das Ziel des Marshallplan mit Afrika, den Bundesentwicklungsminister Gerd Müller im Januar dieses Jahres vorgelegt hat. Der Plan sieht „ein prosperierendes und friedliches Afrika, dessen Entwicklung alle einbezieht und von den Potentialen der eigenen Bevölkerung vorangetrieben wird“ vor. Doch afrikanische Start-Ups berücksichtigt er dabei nicht. Es scheinen deutsche Ideen zu sein, die in Afrika umgesetzt werden sollen. Deutsche und europäische Unternehmen können sich in Afrika engagieren. Ihren Gewinn auch dort ausweiten. Einige besser entwickelte Länder wie Botswana und Namibia bekommen beispielsweise einen dauerhaften zoll- und quotenfreien Zugang zum europäischen Markt. Doch so wird auch der afrikanische Markt für Europa geöffnet. Ob das die afrikanische Wirtschaft stärkt und einzelne Menschen davon abhält, den Kontinent zu verlassen, wird sich zeigen.

Derrick Tawah selbst ist noch nicht mit dem Marshallplan in Berührung gekommen. Er möchte helfen afrikanische Ideen zu unterstützen, die im jeweiligen Land ansetzen. Doch er hat Finanzierungsprobleme: „Wir sehen als unsere Herausforderung, die finanzielle Unterstützung zu finden. Wir arbeiten an einem Vorschlag, um Kapital zu bekommen und um unsere Dienstleistungen anzubieten. Bisher ist alles, was wir realisiert haben, selbstfinanziert“, sagt er. Er versucht aber alles um NjangiList weiter ausbauen zu können. „Wir müssen helfen, die hoffnungslosen Migrationsbemühungen vieler junger talentierter Afrikaner zu stoppen.“ Viele, die versuchen über das Meer nach Europa zu kommen, hätten wahrscheinlich selbst gute Ideen, wie man ihre Heimat verbessern und mit einer Firma gutes Geld machen könne.

Doch die Unterstützung ist ein großes Problem. „Viele Investoren wissen einfach nicht viel über afrikanische Unternehmen und ihre Kultur“, erklärt Tawah. „Hinzu kommt, dass das Geschäftsklima oft als gefährlich wahrgenommen wird. So ist es schwierig, Gewinne zu erzielen.“ Neben dem Kapital gebe es auch das Problem, gut ausgebildete Arbeitskräfte und die richtige Infrastruktur zu finden. Vor allem Energie sei in vielen afrikanischen Ländern noch ein großes Hindernis. Die größte Chance auf Hilfe sieht Tawah in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, in der Finanzierung junger Unternehmen und dem Coaching für junge Gründer. An einigen Punkten versucht NjangiList anzuknüpfen und bekommt dafür gutes Feedback. „Wir sind damit auf dem richtigen Weg zu etwas Großem.“ Da ist sich Derrick Tawah sicher.

 

Dieser Artikel wurde im Zuge des Seminars „Internationaler Journalismus“ im Masterstudiengang Journalistik (Universität Leipzig) erstellt.