Wirtschaftskooperation statt Entwicklungsgelder – Kann der Marshallplan halten, was er verspricht?

Von Hanna Gerwig und Marie Ludwig

Brennende Autos und eingeschlagene Autofenster. Bei den Protesten in Hamburg ging unter, worum es bei dem G20-Gipfel eigentlich inhaltlich gehen sollte: einen Marshallplan für Afrika. Dafür wirbt die derzeitige Bundesregierung, denn dieser Plan soll Arbeitsplätze schaffen und langfristig dafür sorgen, dass weniger Menschen ihre Heimatländer verlassen, um nach Europa zu kommen. Auch deutsche Unternehmen sollen verstärkt ins Ausland expandieren.

„Wir nehmen Afrika beim Wort!“

Der Marshallplan formuliert im Gegensatz zu älteren Entwicklungsplänen einen anderen Ansatz: „Wir müssen weg von Geber- und Nehmerländern, hin zu einer gemeinsamen wirtschaftlichen Kooperation“, heißt es im vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ausgearbeiteten Plan: „Wir nehmen Afrika beim Wort.“ Damit ist gemeint, dass die deutsche Bundesregierung künftig noch intensiver mit afrikanischen Staaten zusammenarbeiten wird, „die reformorientiert sind und das vor allem durch Verlässlichkeit, Rechtssicherheit und politischer Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger unter Beweis stellen.“

Robert Kappel, Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor des Instituts für Afrikanistik der Universität Leipzig findet, dass genau dieser Abschnitt zeige, dass der Marshallplan ein eurozentrisches Konzept sei: ein Konzept, das aus unserer Perspektive geschrieben und vornehmlich auf deutsche Interessen ausgerichtet ist. Es verberge sich schon ein gewisser Paternalismus hinter den Aussagen dieses Plans. „Im Grunde heißt das: Wir wissen wo es hingeht! Ihr müsst euch so verhalten, wie wir es wollen“, sagt Kappel. Sonst gibt es keine Kooperation.

Unternehmen scheuen den Weg nach Afrika

Doch der Weg nach Afrika muss vielen Unternehmen erst einmal schmackhafter gemacht werden, sagt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Der Verein unterstützt Unternehmen bei der Bewältigung bürokratischer oder kultureller Schranken. Nach eigenen Angaben seien bisher nur etwa 1000 Wirtschaftsunternehmen aus Deutschland in die 54 Ländern Afrikas mit größeren Aktivitäten präsent. „Gerade Mittelständler fürchten sich vor tatsächlichen oder vermeintlichen Risiken,“ sagt Kannengießer. Er hält nichts davon, eine Förderung deutscher Wirtschaftsunternehmen in Afrika an zusätzliche Auflagen zu koppeln. „Dort, wo unsere Unternehmen sich engagieren, bringen sie Beschäftigung, Ausbildung und Know-how hin, also das, was Afrika aktuell braucht”, sagt er.

Eine Meinung, die Wirtschaftswissenschaftler Kappel nicht teilt. „Zunächst einmal denken die Leiter von Unternehmen wirtschaftlich und wollen Gewinn erzielen.“ Unternehmen nun mit einer wohltätigen Aufgabe zu überfrachten, hält Kappel für bedenklich. „Wir sollten nicht vergessen, dass Unternehmen vornehmlich keine soziale Aufgabe haben“, so Kappel. Dafür müssten die Staaten selbst sorgen.

Alles beim Alten

Marius Höhnscheid ist mit vielen Problemen, die der Marshallplan anspricht, in seiner täglichen Arbeit konfrontiert. Er arbeitet für das Agrarunternehmen Agrifarm in Bludo Kope, einem kleinen Dorf in Togo. Der 26-Jährige betreibt dort eine Fischfarm und bildet junge Erwachsene aus. Er versucht, der jungen Bevölkerung einen Grund zum Bleiben zu geben. Seiner Meinung nach geht der Marshallplan jedoch an der Lebensrealität der Menschen in Afrika vorbei. „Natürlich hätte ein wirtschaftlicher Aufschwung positive Effekte, aber die Planung geschieht nicht auf Augenhöhe“, findet Höhnscheid. Es würde immer noch vornehmlich die gesellschaftliche Elite Togos von den deutschen Subventionen profitieren. Er wünscht sich deshalb strengere und feste Regelungen für Unternehmen, damit nicht neue Formen der Ausbeutung geschaffen oder unterstützt werden können.

Infobox: 20 Millionen neue Arbeitskräfte pro Jahr

Nach Angaben der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) befanden sich im Jahr 2016 mehr als 50 Millionen Jugendliche in unsicheren Arbeitsverhältnissen. Die Jugendarbeitslosigkeit liege auf dem Kontinent bei bis zu 50 Prozent. Laut dem Internationalen Währungsfonds könne man davon ausgehen, dass künftig jährlich rund 20 Millionen neue Arbeitsplätze in Afrika geschaffen werden müssten, um der steigenden Armut erfolgreich entgegenzuwirken.

Der Marshallplan geht auch auf diese Entwicklung ein. In Punkt drei der zehn Punkte wird betont, dass Afrikas Jugend eine Zukunft in Afrika haben müsse. Das „in“ ist im Plan fett unterstrichen und verdeutlicht die Antriebsmotive des Plans, sagt Wirtschaftswissenschaftler Kappel: „Natürlich wird diese Kooperation durch die Flüchtlingsbewegung vorangetrieben. Die Armut soll nun vor Ort bekämpft werden und die afrikanische Bevölkerung von einer Flucht abhalten.“

Im Plan wird deshalb von einem flächendeckenden Aufbau beruflicher Ausbildungen gesprochen, insbesondere solle auch die Entwicklung eines modernen Berufsbildes in der Landwirtschaft vorangetrieben werden. Doch zum einen, so Kappel, gelinge ein „Anschluss an die industrialisierte Welt nicht mit einfacher Landwirtschaft“. Zum anderen sieht Marius Höhnscheid auch nicht vor Ort das Bedürfnis der Bevölkerung, den Weg in Richtung moderne Landwirtschaft einzuschlagen: „Viele Dörfer in Togo leben fast autonom“, sagt er. Die Leute seien darauf angewiesen, für sich selbst zu produzieren – und außerdem möglichst schnell und sicher Geld zu verdienen. Die Bedürfnisse der Togolesen und die Vorstellungen von Bundesregierung und Wirtschaftsunternehmen lägen weit auseinander. „Die meisten Togolesen bleiben oft bei dem, was sie schon kennen“, sagt er. Es sei unwahrscheinlich, dass junge Leute, die schon als Kinder auf Mais- oder Maniokfeldern gearbeitet haben, später Ingenieure in der Großstadt werden würden. Das, was Togo wirklich brauche, sei Zeit. „Die Wirtschaft müsste sich selbst regulieren“, sagt Höhnscheid. Sie von außen kontrollieren zu wollen, sei nicht der richtige Weg.

 

Dieser Artikel wurde im Zuge des Seminars „Internationaler Journalismus“ im Masterstudiengang Journalistik (Universität Leipzig) erstellt.